Interview mit Maya Arad Yasur

Foto: Facebookseite Maya Arad Yasur

Sandra Schüddekopf: Interview mit Maya Arad Yasur zum Stück
AMSTERDAM
Wien, 25.11.2019, Theater Drachengasse, anlässlich der szenischen Lesung des Stückes

The history is echoing from the sidewalks

A young Israeli woman, a musician, lives at the Kaisergracht in Amsterdam. One day she receives a gas bill of over 1700 – Euros. Who used all this gas? Starting with the turned off gas and the knocking of the mailman on the door, the play, if told as a plot, seems to follow the questions, how this bill came about, how is the present connected to the past in relation to questions of Jewish identity and what happened in that apartment during World War 2? But it would be a great mistake to reduce Maya Arad Yasurs play AMSTERDAM to its plotline. It is much more than that: it is a search for history, stories, constructions of identity through the eyes of others, about being Jewish today, being foreign, being the victim or the villain and last but not least about the question how history and stories can be told. It is about silence after the word genocide. AMSTERDAM is highly musical and humorous at the same time.  Before the scenic reading in Vienna director Sandra Schüddekopf and author Maya Arad Yasur met for a talk. 

“Von den Bürgersteigen hallt die Geschichte wider”

Eine junge israelische Frau, Musikerin, lebt in der Kaisergracht in Amsterdam. Eines Tages bekommt sie eine Gasrechnung über eintausendsiebenhundert Euro. Wer hat all dieses Gas verbraucht? Ausgehend vom abgestellten Gas und dem Klopfen des Postboten an der Tür geht das Stück über die Handlung der Frage nach, wie es zu dieser Rechnung kommen konnte, wie die Gegenwart mit der Vergangenheit in Bezug auf die jüdische Identität verbunden ist und was in der Wohnung während des Zweiten Weltkrieges geschah. Aber es wäre ein großer Fehler, Maya Arad Yasurs Stück AMSTERDAM auf die Handlung zu reduzieren. Es ist viel mehr als das: eine Suche nach Geschichte, nach Geschichten, nach Konstruktionen von Identität über die Blicke der anderen, nach jüdischer Identität heute, dem Fremdsein, nach Tätern und Opfern und vor allem nach der Suche, wie Geschichte und Geschichten zu erzählen sind. Es geht über die Stille nach dem Wort Genozid. Der Text ist hochmusikalisch und zugleich voller Humor. Vor der szenischen Präsentation haben sich die Regisseurin Sandra Schüddekopf und die Autorin Maya Arad Yazur zu einem Gespräch über den Text getroffen.

Sandra: When I started rehearsing, I was not sure about the structure of the play. The text is not distributed, the number of performers is open (at least three) and it seemed to be very arbitrary how to do it. While reading it with the actors we found out why you chose this form. How did you get there and what does it mean to you?

Sandra: Als ich angefangen habe zu proben, war ich mir nicht sicher über die Form des Textes. Der Text ist ja nicht aufgeteilt, die Anzahl der Performer*innen ist nicht festgelegt und jede Aufteilung erschien mir sehr willkürlich. Erst beim Proben hat sich langsam erschlossen, warum das so ist. Wie bist Du zu dieser Form gekommen und wofür steht sie für dich?

Maya: I have tried to tell that story in several different ways, but somehow other forms made the story seem like an attempt to say: this is how things were, while I wanted to tell the story of a protagonist who has no clue what was there if there was anything. In addition, as an immigrant, the character is in a situation where her identity is being reconstructed because the eyes that are now looking at her have a different position than the eyes in her country of origin. She is suddenly „a Jewish woman“ and „an Israeli woman“. Not just „a woman“ which is conflicted enough in many situations. And so it is the lookers who decide who she is, what she probably does, and not herself. She can only speculate what others probably see in her. The negotiation of these positions is what eventually turns into her story or her identity if you’d like.

From a more professional perspective, I was educated in Amsterdam where the theatre is very much Regietheater and with strong ‚here and now‘ emphasis rather than representation of characters and so this is for me a natural way of telling a story, also on stage.

I am also very much influenced by processes of devised theatre where the performers are devising a piece by improvising and trying different paths until they find the one path. I worked as a dramaturg in such processes and when writing I have that in mind. The form is also conversing with a play which was a major influence on me in my years of living and working in Amsterdam, Attempts on Her Life by Martin Crimp where the character is being fragmented. I think that I related to that play so strongly when in Amsterdam because of my own process of redefining myself. I felt that I could be anything, I lost the thread of my own story for a while, and in the play I tried to collect the pieces of my own character’s identity and reach the end of her story, no matter what it is. In that sense it is „an answer“ sort to say to Attempts on her Life. In my new play BOMB which opens in February in Schauspiel Cologne I develop the form further, trying to add different focal perspectives and other narrative mechanisms. I guess I want to say that although I do think that theatre is an art of here and now but I am not letting go of stories that quickly.

Maya: Ich habe mehrmals versucht, die Geschichte auf eine andere Art zu erzählen, aber alle andere Formen erweckten irgendwie den Eindruck, ich wolle sagen: So ist es gewesen. Aber ich wollte die Geschichte einer Protagonistin erzählen, die nicht weiß, was da war und ob da überhaupt etwas war. Darüber hinaus ist die Figur als Migrantin in der Situation, dass ihre Identität von außen neu konstruiert wird, da die Blicke, die sie nun betrachten, andere sind als die Blicke in ihrem Herkunftsland. Sie ist auf einmal eine jüdische Frau, eine israelische Frau und nicht nur eine Frau, was oft ja schon problematisch genug sein kann. Und so sind es die Betrachter, die entscheiden, wer sie ist, was sie vermutlich macht, und nicht sie selbst. Sie kann nur darüber spekulieren, was die anderen möglicherweise in ihr sehen. Die Verhandlung dieser Positionen wird möglicherweise zur Geschichte ihrer Identität, wenn Du so willst.

Meine professionellere Entwicklung erfolgte in Amsterdam. Dort ist das Theater geprägt vom Regietheater mit einer starken Betonung des Hier und Jetzt, es ist kein Repräsentationstheater mit klassischen Figuren, deshalb ist es für mich nur natürlich, eine Geschichte auf der Bühne so zu erzählen.

Ich bin auch sehr beeinflusst vom Prozess des Entwickelns bei den Proben, in denen die Performer durch Improvisation und das Ausprobieren verschiedener Probenpfade ein Stück entwickeln, bis man den einen Pfad findet. Ich habe in solchen Prozessen als Dramaturgin gearbeitet, und wenn ich schreibe, habe ich ebenfalls diese Prozesse im Kopf. Die Form steht auch in Beziehung zu einem Stück, das in den Jahren, in denen ich in Amsterdam gelebt und gearbeitet habe, einen großen Einfluss auf mich hatte: ANGRIFF AUF ANNE von Martin Crimp, in dem die Hauptfigur fragmentiert ist. Ich glaube, dass ich mit dem Stück zu der Zeit sehr viel anfangen konnte, weil ich mich damals auch selbst neu definierte. Ich hatte das Gefühl, ich könnte alles sein. Ich verlor den Faden meiner eigenen Geschichte für eine Weile. Und in dem Stück habe ich versucht, die Fragmente und Einzelteile meiner Figur einzusammeln und zum Ende ihrer Geschichte zu kommen, egal was dies sein würde. In diesem Sinne ist es sozusagen eine Antwort auf ANGRIFF AUF ANNE. In meinen neuen Stück BOMB, das im Februar am Schauspiel Köln Premiere haben wird, entwickele ich diese Form weiter, versuche andere Fokussierungen und Perspektiven, andere Erzählmechanismen. Ich denke, ich will sagen: Auch wenn das Theater eine Kunst des Hier und Jetzt ist, lasse ich Geschichten nicht so schnell los.

Sandra: The play seems to be about contradictions as well– for example the city of Amsterdam with a coat of arms referring to a protest of non-Jews protesting the prosecution of the Jews through the Nazis and at the same time the city also wants the bill to get paid although it turns out to be a relic of the 40s and nobody knows who used the Gas – there are a lot more ambivalences, just as the “truth” about what really happened in that apartment then cannot be resolved completely. You lived in Amsterdam yourself for a while, was the play and its contradictions inspired by your experiences in Amsterdam? 

Sandra: Das Stück thematisiert auch Widersprüche. Zum Beispiel das Verhalten der Stadt Amsterdam. Einserseits hat sie ein Wappen, auf dem der Protest von Nichtjuden gegen die Verfolgung der Juden durch die Nazis dargestellt wird, andererseits will die Verwaltung der Stadt, dass die Rechnung bezahlt wird, obwohl sie ein aus den 40er Jahren stammt und unklar ist, wer diese Rechnung verursacht hat – es gibt sehr viele weitere Ambivalenzen und auch die Wahrheit, was tatsächlich in der Wohnung geschah, kann nicht abschließend geklärt werden. Sind das Stück und das Verhandeln dieser Widersprüche von Deinen eigenen Erfahrungen in Amsterdam inspiriert?

Maya: I never thought about it in the context of the play until this moment. But I think if I had to describe my relationship with Amsterdam or with Europe in general, but I would focus on Amsterdam because I actually lived there. This ambivalence was really a part of my daily life. I loved that city so much and I had such a good time, I felt that I am growing in a rapid pace, both as a human being and as a professional and at the same time I had a lot of issues with it. I think my experience there was very contradictory. It is important for me to say that I did not experience Antisemitism per se at any time. Not a single time. People could say something that sounded not totally kosher to me. It is hard to explain living in a city that is so cosmopolitan so liberal supposedly in times where foreigners are such a topic. You know it is a topic it is out there. It is on television, people talk about it all the time. And you are a foreigner and you are the topic. And even though I worked at the theatre and I spend my evenings in the theatre I was totally feeling like I am part of the vivid side of the city at the same time I could just as in the play lose my confidence when I am buying milk in the supermarket at the same time.

Maya: Ich habe darüber noch nie in Bezug zum Kontext des Stückes nachgedacht. Aber wenn ich meine Beziehung zu Amsterdam oder zu Europa beschreiben soll… ich  will das jetzt einmal auf Amsterdam beschränken, da ich dort tatsächlich gelebt habe. Ambivalenz habe ich tagtäglich erlebt. Ich liebte die Stadt und es ging mir so gut, ich hatte das Gefühl, so schnell zu wachsen, als Mensch und als Theaterschaffende, und gleichzeitig hatte ich viele Probleme mit der Stadt. Ich habe nie so etwas wie direkten Antisemitismus erlebt, es ist mir wichtig, dies zu betonen. Kein einziges Mal. Trotzdem waren meine Erfahrungen sehr widersprüchlich. Manchmal sagten die Leute etwas, was nicht so ganz koscher klang. Es ist nicht leicht, das Leben in einer Stadt zu beschreiben, die kosmopolitisch und angeblich so liberal ist, während gleichzeitig Ausländer Thema sind. Du weißt, dass es Thema ist, und es ist draußen allgegenwärtig. Im Fernsehen; die Leute reden die ganze Zeit darüber. Du bist Ausländer und du bist Thema. Ich war Teil von Arbeitsprozessen dort, verbrachte Zeit im Theater, in Produktionen, ich war Teil der Stadt und gleichzeitig konnte ich genau wie die Protagonistin des Stückes meine Zuversicht verlieren, wenn ich nur Milch im Supermarkt kaufen ging.

Sandra: One of the women in the play – maybe the central character – that we follow during the play – when she is in the supermarket she tries to explain her not being foreign by telling who she really is. Do you think, if you can describe to another person who you really are, this aspect of being foreign will disappear?

Sandra: Eine der Frauen des Stücks, vielleicht die Hauptfigur, die wir verfolgen, versucht im Supermarkt klar zu machen, dass sie keine Fremde ist, indem sie klarstellt, wer bzw. was sie tatsächlich ist. Glaubst Du, dass der Aspekt des Fremdseins verschwinden kann, wenn man jemand anderem erklärt, wer man wirklich ist?

Maya: I like being foreign but it is really about language and the terminology we use. A foreigner is just a stranger. We have Tourists / Immigrants / International Students – they are all foreign, but their status is a bit different and society is more forgiving towards certain types of foreigners than to others. 

At a certain point the society expects you to adapt more. You are not an international student anymore, now you are becoming an immigrant and that’s a lot of pressure and that’s an identity issue all of a sudden. The play is very much about how my identity is being constructed from the outside – it is not something given but it is reconstructed by the way I think that others see me. Speculations what people around you, all kinds of encounters which are a brick in your new constructed identity. It is a shift, because I already had an identity.

Maya: Ich bin gerne fremd. Aber es geht um die Sprache, die Begriffe, die wir verwenden. Fremd heißt erst einmal nur, dass jemand von woanders kommt. Es gibt Touristen / Migranten / Internationale Studenten – sie sind alle fremd, aber ihr Status ist unterschiedlich. Und die Gesellschaft verzeiht bestimmten Fremden eher als anderen.

Ab einem gewissen Punkt erwartet die Gesellschaft von Dir, dass Du Dich stärker anpasst. Du bist kein/e internationale/r Student*in mehr, jetzt wirst Du Migrant*in und das ist viel Druck und dann wird es plötzlich zur Identitätsfrage. Das Stück handelt stark davon, wie Identität von außen her konstruiert wird. Sie ist nicht etwas Gegebenes, sondern wird über die Art und Weise, wie die anderen mich sehen, konstruiert. Spekulationen, was andere in dir sehen, alle möglichen Begegnungen, die ein Baustein deiner konstruierten Identität werden. Das ist eine Verschiebung, denn ich hatte ja bereits eine Identität.

Sandra: The same thing happened to me in Austria – all of a sudden I was German for everyone and before that it never was an issue. I was so hit by this: you are German!

Sandra: Dasselbe ist mir in Österreich passiert –plötzlich war ich für alle deutsch, davor war das nie ein Thema für mich. Das hat mich anfangs immer wieder getroffen: Du bist deutsch!

Maya: I had this with being Jewish. I was never busy with being Jewish – religion was not an issue, I was just living my life and suddenly I had to face being Jewish. I was always confronted with it. But it was also a pity of not being aware – the Jewish part of me when I was living in Israel was kind of erased but in Amsterdam, I was happy also to discover that about myself. The Jewish quarter of Amsterdam was so fascinating to me. The Dutch Jews that I met – their experience of being Jewish was totally different. I had all kinds of levels of enjoying, struggling or conversing with it.

Maya: Ich hatte diese Erfahrung mit dem Jüdischsein. Es hat mich nie sonderlich beschäftigt – Religion war kein Thema. Ich lebte einfach mein Leben und auf einmal musste ich mich damit auseinandersetzen, dass ich Jüdin bin. Ich war ständig damit konfrontiert. Aber es war auch schade, dass mir das vorher nicht bewusst war – der jüdische Teil von mir war, als ich in Israel lebte, irgendwie wegradiert, aber in Amsterdam war ich glücklich, auch dies an mir zu entdecken. Das jüdische Viertel in Amsterdam hat mich fasziniert. Die niederländischen Juden, die ich kennen lernte – ihre Erfahrung des Jüdischseins war eine völlig andere. Ich erlebte alle möglichen Ebenen der Begegnung: es genießen, damit zu kämpfen oder dazu in Beziehung zu treten.

Sandra: How do you work with your translator Matthias Naumann – do you know each other? How is the process?

Sandra: Wie arbeitest Du mit Deinem Übersetzter Matthias Naumann zusammen? Kennt ihr euch? Wie ist der Arbeitsprozess?

Maya: It is funny that you ask. We just had a meeting about our processes – because the last time he had to translate drafts – for a work I did I Cologne, I was commissioned. And we talked about how to deal with this situation – translating drafts. But with AMSTERDAM he got the finished text. Then we usually work with two rounds of questions and answers. But sometimes we work a lot on one sentence for example one of my favourite sentences: Her noxious, Sachsenhausen, schlimazel, Yiddish schnorrerising shtetl face coming at him – we used a long time on that since it is musical, vocal, and grammatical.

Maya: Lustig, dass Du das fragst. Wir hatten gerade ein Treffen über unseren Arbeitsprozess – denn in letzter Zeit musste er Szenenentwürfe übersetzen – für eine Auftragsarbeit, die ich in Köln gemacht habe. Und wir sprachen darüber, wie wir mit dieser Situation umgehen sollten. Aber bei AMSTERDAM war der Text bereits fertig. Dann arbeiten wir normalerweise mit zwei Runden von Fragen und Antworten. Aber manchmal arbeiten wir sehr lange nur an einem Satz, zum Beispiel einem meiner Lieblingssätze: “Ihr giftiges, jiddisches Sachsenhausen-schlimazel-Schnorrer-shtetl-Gesicht, kam auf ihn zu” – dafür haben wir lange gebraucht, denn es muss musikalisch, klanglich und grammatikalisch funktionieren.

Sandra: Has the text been translated into Dutch already?

Sandra: Wurde der Text bereits ins Holländische übersetzt?

Maya: No, and I haven’t quite figured out why.

Maya: Nein, und ich habe noch nicht wirklich herausgefunden, warum.

AMSTERDAM will be shown in Austria for the first time in October 2020 at Theater Hamakom.

AMSTERDAM wird erstmals in Österreich im Wiener Theater Hamakom im Oktober 2020 zu sehen sein.

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