AKTIVITÄTEN: EURODRAM in Wien

Das Theater Drachengasse in Wien bietet dem deutschsprachigen Eurodram-Komitee zum dritten Mal die Möglichkeit, seine aktuelle Auswahl von für die Übersetzung besonders empfohlenen Theaterstücken zu präsentieren. Aus 85 Einsendungen wurden Mitte März drei im Original auf Deutsch verfasste Theaterstücke ausgewählt, die in jeweils eine andere europäische Sprache übersetzt werden.

Am 16. April um 18 Uhr zeigen wir unsere Auswahl 2018 mit folgenden Stücken und ihren Autoren:

Raoul Biltgen: DER FREIE FALL

Dominik Busch: DAS RECHT DES STÄRKEREN

Mehdi Moradpour: EIN KÖRPER FÜR JETZT UND HEUTE

Im Anschluss an die Präsentationen sprechen wir jeweils mit den Autoren. Moderation der Gespräche: Henning Bochert, Christian Mayer und Ulrike Syha.

Die szenischen Lesungen werden eingerichtet von Sandra Schüddekopf und Milena Michalek nach einem Konzept von Sandra Schüddekopf. Das Programm des Theaters findet sich hier.

R. Biltgen, M. Moradpour, D. Busch | Foto: Bochert

Gefördert durch:

171020_Logo_DUF_L_RGB_Screen
Logo Schweizerische Botschaft Farbe.jpg
GDL_Amb_Autriche.jpg

AKTIVITÄTEN: EURODRAM beim 4+1-Autor*innentreffen in Leipzig

Wie schon 2016 wird das europäische Netzwerk für Dramatik in Übersetzung EURODRAM auch in diesem Jahr wieder beim Treffen junger Autor*innen 4+1 am Schauspiel Leipzig zu Gast sein. Das Festival läuft vom 11.-13. April 2018 und stellt in szenischen Lesungen und Gesprächen junge Autor*innen der Lehrinstitute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor.

AKTIVITÄTEN: EURODRAM beim 4+1-Autor*innentreffen in Leipzig weiterlesen

AKTIVITÄTEN: EURODRAM-Jahresversammlung in Lissabon

Von Henning Bochert

Ganz im Westen Europas kamen sie zusammen: von Priština und Rom, von Paris und London, von Berlin und Tel Aviv und vielen anderen Orten. Zur 2018er Generalversammlung von Eurodram reisten 22 Teilnehmer, darunter die Koordinator*innen von 13 Sprachkomitees, nach Lissabon, wohin das portugiesischsprachige Komitee in Gestalt von Maria João Vicente und Carolina Mano großzügig eingeladen hatte. An vier Tagen stand unter dem Titel DEPOIS DE BABEL (NACH BABEL; einem Titel von George Steiner) ein gemischtes Programm aus internen Besprechungen und öffentlichen Veranstaltungen im Bereich Theaterübersetzung auf dem Plan.

22089477_1469528829750713_5661736193248396914_n
EURODRAM-Koordinatoren und einige Komitee-Mitglieder in Lissabon. – Foto: Marília Maia e Moura

Donnerstag, der 21. September 2017

Das Netzwerk Eurodram besteht derzeit aus 255 Mitgliedern in 23 Sprachkomitees. Nach der Ausschreibung 2017 zirkulierten insgesamt 338 Texte, aus denen 14 der Komitees eine Auswahl zur Empfehlung trafen. Diese Liste ist hier in den jeweiligen Sprachen abrufbar. Die vollständigen Stücktexte sind auf Nachfrage an die jeweiligen Komitees erhältlich.

In den ersten Stunden der Besprechungen präsentieren die anwesenden Koordinator*innen die Titel der Stücke ihrer diesjährigen Auswahl und prüfen ihre Verbindung zu deren Übersetzer*innen: Sind die bekannt, gehören sie zum Komitee? Aus welchen Sprachen wurden die Stücke übersetzt?

Das Teatro Taborda, in dem das Teatro da Garagem residiert und in dem alle Veranstaltungen stattfinden, liegt unmittelbar unter der Burgmauern des Castelo, inmitten der engsten Gässchen zwischen den berühmten gekachelten Häusern. In den Pausen treten die Teilnehmer hinaus in das bezaubernde Licht Lissabons, genießen Sonne und Schatten seiner charmanten Straßen und Plätze. Alle drei Schritte steht man vor einem neuen winzigen Restaurant, einer Leiteria oder einem Café. Hinter einer Häuserecke biegt abrupt rumpelnd die ikonische gelbe Straßenbahn hervor, prall mit Touristen gefüllt und tatsächlich kaum größer als eine Sardinendose. Die bewegte Topografie der Stadt bietet hinter jeder engen Biegung einen neuen verblüffenden Ausblick. Jeder Gedanke, den das mit Theaterstücken volle Hirn zulässt, befasst sich umgehend mit maurischen Epochen, der spärlich präsenten Romanik, dem alles zerstörenden Erdbeben 1755, das Raum gab für Neues im Stadtbild.

Der Tourismus hat, wie in vielen europäischen Hauptstädten, seine Schattenseiten. Eindeutig sehen sich die Lissabonner von seinen Ausmaßen bedroht. In Graffitis wie „mass tourism = human pollution“ drückt sich die klare Ablehnung der Situation aus, in der die Elektrorikschas von Tuk-Tuk massenhaft durch die Straßen gleiten oder eine Karawane aus orangefarbenen Touristen-Go-Karts durch die engen Straßen am Largo do Carmo knattern wie in Berlin die Trabi-Safaris.

An den Abenden bietet das Teatro da Garagem eine Reihe öffentlicher Lesungen an. Zunächst am Donnerstag die portugiesische Fassung des Stücks Cinderella Ltd. von Zdrava Kamenova und Gergana Dimitrov, übersetzt von Nadezhda Metodieva, gelesen von Schauspieler*innen und Student*innen der Theater- und Filmschule Lissabon ESTC.

22046145_1469528793084050_8861938890615914368_n
Bei der Arbeit im Teatro da Garagem. – Foto: Marília Maia e Moura

 

Freitag, der 22. September 2017

Nach dem luxuriösen Frühstück im Hotel gelangen die Teilnehmer zu Fuß (Französisch, Italienisch, Englisch), per U-Bahn (Deutsch, Hebräisch) oder Taxi (Ungarisch) zur nächsten Besprechung im Theater, das so anziehend wirkt, dass sich ganz Europa hier versammelt und nicht mehr fort möchte.

Zu den besprochenen Fragen gehören heute vor allem organisatorische wie die des dringend benötigten eigenen Internetauftritts unabhängig von dem der Maison d’Europe et de l’Orient, welche die zentrale Internetseite derzeit noch auf ihrer Seite sildav.org beherbergt. Über die technischen Aspekte wird lange gesprochen.

Auch die bessere Vernetzung der Komitees mit anderen Sprachen, um die Verbreitung der jeweils zur Empfehlung ausgewählten Texte der eigenen Sprache zu beschleunigen, ist ausgiebig Diskussionsgegenstand. Die Komitees überprüfen, inwieweit sie in ihren Reihen Theaterübersetzer*innen anderer Sprachen haben, die für die Vernetzung schon im Rahmen ihrer täglichen Arbeit sorgen können. Verfügen die einzelnen Komitees über eigene Websites? In mehreren Sprachen? Führen sie Veranstaltungen mit Partnertheatern durch, bei denen die Stücke z. B. in szenischen Lesungen öffentlich vorgestellt werden? Arbeiten sie mit den Sprach- und Theaterabteilungen der Universitäten zusammen? Wie lässt sich auch das verbessern?

Lissabon ist im Herbst die ideale Umgebung für diese Arbeit. Die Temperatur ist perfekt, angenehm zum Arbeiten und nicht zu heiß für Stadterkundungen. Immer wieder zerstreuen sich die Teilnehmer in die Gassen und Plätze hinauf zum Barrio Alto oder hinunter zum Ufer des Tejo, der hier, kurz vor der Mündung, so breit daherkommt wie ein Meerbusen, die weithin sichtbare Brücke über ihn gemahnt zwingend an die Golden Gate Bridge über der San Francisco Bay. Da steigt schon mal eine Besuchergruppe durch einen schlichten Kanaldeckel zwischen den Tramgleisen mitten auf der Straße aus der Erde, in der sie sich die umfangreichen römischen Fundamente zur Befestigung des Hafenbereichs mit ihren zahlreichen Gängen angesehen haben.

Am Abend präsentiert das Theater zuerst die portugiesische Version des Stücks Verloren im Nebel von Neda Nezhdana, die leider nicht anwesend sein kann. Übersetzt von Vladyslava Parfeniuk und wiederum szenisch gelesen von Studenten der ESTC.

Im Anschluss lesen Schauspieler*innen und Student*innen der ESTC auf Portugiesisch das Stück Common People der erfolgreichen Autorin Gianina Carbunariu (übersetzt von Corneliu Popa (mit Unterstützung des rumänischen Kulturinstituts)), deren Texte schon häufiger von unterschiedlichen Komitees ausgewählt wurden.

21766614_1468645899839006_7276698865831350431_n
Lesung des rumänischen Stückes „Common People“ von G. Carbunariu. – Foto: Marília Maia e Moura

 

Samstag, der 23. September 2017

Da fast alle Komitees ohne finanzielle Unterstützung bzw. überhaupt ohne Finanzmittel arbeiten, können viele Ideen häufig nicht in die Tat umgesetzt werden. Umso erstaunlicher, dass Eurodram dennoch derart aktiv ist. Um die Möglichkeiten zu erweitern, stellen sich aber Fragen wie: Müssen die einzelnen Sprachkomitees sich als Vereine konstituieren, um öffentliche Förderungen beantragen zu können? Die Frage, ob die zirkulierten Stücke nicht direkt und öffentlich über Eurodram zugänglich gemacht werden könnten, wird wegen Urheberrechtsfragen zurückgestellt. Immerhin aber soll eine Datenbank mit Zusammenfassungen und den wichtigsten Angaben in die zu schaffende Website integriert werden. Aber auch die Aktivitäten der einzelnen Komitees, ihre Wünsche und Möglichkeiten weiterer gegenseitiger Unterstützung finden Gehör. So meldet Andreas Flourakis, Theaterautor und Koordinator des griechischen Komitees, zum wiederholten Mal dringenden Bedarf nach Autorenfortbildung und Schreibwerkstätten in Griechenland an und ruft die Koordinatoren zu Unterstützung auf. Weiter fragt sich die Runde zum Beispiel, wieso in der türkischen Theaterlandschaft so wenige Übersetzungen von portugiesischen Theaterstücken zu finden seien und wieso überhaupt das öffentliche Interesse an der Komiteearbeit noch optimiert werden könnte. Liegt es an der Orientierung der Theater auf großen Unterhaltungsproduktionen? Und wie kann die Arbeit des BCSM-Komitees (Bosnisch-Kroatisch-Serbisch-Montenegrinisch) ausgebaut werden unter den besonderen Bedingungen dieses Sprachraums?

21766702_1468634393173490_515829986682204103_n
Diskussionsrunde „Translating for theatre: concepts to consider“. – Foto: Marília Maia e Moura

Nach der letzten Sitzung, in der auch die Möglichkeiten der Versammlung im nächsten Jahr diskutiert und Einladungen von gleich mehreren Komitees ausgesprochen werden, sind die internen Debatten vorüber, und die Teilnehmer können sich nach Lust und Laune dem weiteren öffentlichen Programm hingeben. Eine Podiumsdiskussion zum Übersetzen von Theaterstücken mit der Übersetzerin und Dramaturgin Constança Carvalho, Dominique Dolmieu und Alexandra Moreira Da Silva wird von Nuno M. Cardoso, Regisseur und Mitglied des portugiesischen Komitees, moderiert. Das Verhältnis zu den übersetzten Autor*innen wird erörtert, in den beschriebenen Fällen ein sehr fruchtbares, und inwiefern Übersetzer*innen eine Autorenschaft haben. Beide Übersetzerinnen waren der Meinung, dass ihre Tätigkeit der von Autor*innen gleichzusetzen sei, was kontrovers besprochen wurde. Constança formulierte, dass eine Besonderheit des Theaterübersetzens darin bestehe, das linguistische und szenische Potenzial eines Textes in größerem Maße zu bewahren als beispielsweise bei literarischen Übersetzungen, wo zwischen Übersetzung und Leser nur das Gleiten der Augen über die Seite steht, während beim Theater noch einige andere Personen und –gruppen Hand und Hirn an den Text legen. Ein Beispiel von Alexandra zeigte auf, wie bei im Wort unlösbar scheinende Problemen das Theater auch die Möglichkeit bietet, auf die kreativen Mittel zu vertrauen, die im Inszenierungsprozess den Text noch interpretieren, so dass hier Bedeutungen gerettet bzw. gezeigt werden können, die im Text allein nicht zu bewältigen sind – eine häufig beruhigende Aussicht.

Das Teatro da Garagem zeigt den internationalen Gästen am Abend im bezaubernden kleinen Theatersaal eine englisch übertitelte Vorstellung von Ela diz (Sie sagt; geschrieben und inszeniert von Carlos J. Pessoa). Der strengen, gleichförmig langsamen Inszenierung des scheinbar formal stark gestalteten Texts über eine belastete Mutter-Tochter-Beziehung wurde vom Publikum unterschiedlich aufgenommen.

22089564_836752326503670_6477253896035612070_n
„ELA DIZ“ von Carlos J. Pessoa. – Foto: Teatro Taborda.

Sonntag, der 24. September 2017

Der Sonntag lässt allen noch nicht Abgereisten Zeit für einen weiteren Spaziergang durch die Straßen. Die Stadt scheint ihren speziellen historischen Charme zu bewahren, indem sie eigenwillig groß angelegten Modernisierungen widersteht, die ihren Charakter zerstören. Stattdessen werden bestehende historische Gebäude mit viel Feingefühl mit modernem Inhalt gefüllt. Ein Beispiel ist das untere Gebäude des Hauptbahnhofs mit imposanter, maurisch anmutender Fassade sowie zahllose Gebäude in der Innenstadt, alle mehrere hundert Jahre alt, in denen sich Geschäfte für Bademoden, Fachgeschäfte für Gastronomiebedarf oder Stoffe, Kurzwaren oder eben die zahllosen Cafés befinden.

Am Nachmittag gibt es noch eine Lesung des russischen Stücks Cabaret Astoria (von Mikahil Heifts, übersetzt von Kostyantyn Myroshnychenko), wiederum mit Akteur*innen der ESTC. Nachmittags schließt eine öffentliche Diskussion über „Theater in Theater übersetzen“ zur Interpretation von Worten in Handlung, also Dramaturgie und Regie, auch das öffentliche Programm ab.

Dank der hervorragenden und großzügigen Planung des portugiesischen Komitees und des Teatro da Garagem entlässt Lissabon die aktiven Köpfe des Eurodram-Netzwerks gestärkt, neu orientiert und mit einem Koffer voller Pläne in die unterschiedlichen Regionen Europas, die neben der anstehende Ausschreibung und Auswahl für das kommende Jahr die Aufgabenlisten füllen werden, bis wir uns im nächsten Herbst anderswo wiedersehen.

21767954_1466345580069038_8236406748240990109_n
Foto: Marília Maia e Moura

 

Wer noch eine andere Stimme zur EURODRAM-Jahresversammlung in Lissabon hören möchte, findet hier den Bericht von Gilles Boulan (Koordinator des Französischen Komitees). Übersetzung: Wolfgang Barth.

http://vieuxloup.de/blog/2017/10/15/hauptversammlung-eurodram-21-9-bis-24-9-2017-in-lissabon-tagebuch-gilles-boulan/

AKTIVITÄTEN: Lesung am 31.Mai am Nationaltheater Mannheim

Wir freuen uns, dass unsere erste EURODRAM-Veranstaltung im deutschsprachigen Raum einen so regen Zuspruch gefunden hat.

Lesung
Lesung „DIE PRÜFUNG“.
© H. Bochert

Wir danken dem Nationaltheater Mannheim für die Kooperation, besonders natürlich den lesenden Schauspielern, Inka Neubert und Sandra Schüddekopf für die Einrichtung der Texte, der Autorin Maria Tryti Vennerød und der Übersetzerin Sabine Heymann für die Gespräche, den angereisten Komiteemitgliedern und Zuschauern für ihr Kommen und die lebhafte Diskussion, sowie den beteiligten Verlagen und Agenturen (Per H. Lauke Verlag, Nordiska Agentur, Agencja Dramatu) für ihr Entgegenkommen und Theater Heute für die unterstützende Werbung.

Wir freuen uns schon auf die nächste EURODRAM-Veranstaltung im Herbst in Wien am Theater Drachengasse.

Ragna Pitoll liest
Ragna Pitoll liest „EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU“
© H. Bochert

Lesung 1:

Stefano Massini: Eine nicht umerziehbare Frau. (Aus dem Italienischen von Sabine Heymann.)

Mit: Ragna Pitoll.

Einrichtung: Inka Neubert

Lesung 2:

Maria Tryti Vennerød: Die Prüfung. (Aus dem Norwegischen von Nelly Winterhalder.)

Mit: Michaela Klamminger, Reinhard Mahlberg, Matthias Thömmes, Ragna Pitoll, Sven Prietz.

Einrichtung: Inka Neubert

Lesung 3:

Malgorzata Sikorska-Miszczuk: Der Koffer. (Aus dem Polnischen von Andreas Volk.)

Mit: Michaela Klamminger, Boris Koneczny, Jacques Malan, Ragna Pitoll.

Einrichtung: Sandra Schüddekopf

Moderation:

Henning Bochert, Stefanie Gottfried, Ulrike Syha

Lesung
Lesung „DER KOFFER“.
© H. Bochert

Und das sagt die Presse:

http://www.morgenweb.de/nachrichten/kultur/regionale-kultur/umerziehen-unerwunscht-1.2271336

Zuschauer bei der Abschlußdiskussion. © H. Bochert
Zuschauer bei der Abschlußdiskussion.
© H. Bochert
Stefanie Gottfried im Gespräch mit Sabine Heymann. © W. Barth
Stefanie Gottfried im Gespräch mit Sabine Heymann.
© W. Barth
Abschlußdiskussion. © W. Barth
Abschlußdiskussion.
© W. Barth

PORTRÄT: Stefano Massini

STEFANO MASSINI: EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU. 

Aus dem Italienischen von SABINE HEYMANN.

STEFANO MASSINI wurde 1975 in Florenz / Italien geboren. Nach einem Studium der Altphilologie arbeitete er zunächst als Regie-Assistent bei Luca Ronconi am Piccolo Teatro in Mailand. Seit 2000 arbeitet Stefano Massini selbst als Regisseur, seit 2005 erregt er zudem als Dramatiker Aufmerksamkeit. Für seinen Text „L’odore assordante del bianco“ wurde er mit dem Premio Pier Vittorio Tondelli ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für Dramatisches Schreiben in Italien. Im Jahr 2007 erhielt er den Premio Nazionale della Critica und 2013 den Premio Speciale Ubu. Massinis Texte werden in ganz Italien und im europäischen Ausland gespielt.

Das 2007 entstandene Stück „EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU“ beschäftigt sich mit der russischen Journalistin Anna Politkowskaja, deren Ermordung vor ihrer eigenen Wohnung in Moskau im Jahre 2006 die Öffentlichkeit schockierte. Politkowskaja war eine investigative Reporterin, die sich u.a. mit Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenien-Konflikt beschäftigte.

Massinis Text rekonstruiert weniger den genauen Ablauf ihrer Ermordung oder Details ihrer Biografie, er spiegelt vielmehr in Schlaglichtern die Gräuel und Ambivalenzen des kriegerischen Konflikts und die Rolle des Journalisten in einem solchen Kontext. Monologische, durchaus poetische Sequenzen wechseln sich mit Dialogen zwischen Reportern und Beteiligten und Betroffenen des Krieges ab. Vom Schicksal der russischen Journalistin ausgehend lädt Massini zu einer generellen Auseinandersetzung mit der Pressefreiheit und den Aufgaben des modernen Journalismus ein.

„EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU“ wurde seit der Entstehung des Textes nicht nur in Italien, sondern auch in Frankreich, Belgien, Luxemburg und Monaco gezeigt. Eine Spielfilmversion überzeugte bei den 66. Filmfestspielen in Venedig. Die deutschsprachige Erstaufführung ist für November 2015 am Oldenburgischen Staatstheater geplant.

EURODRAM zeigt bereits am 31. Mai 2015 einen Ausschnitt aus dem Text bei der EUODRAM-Präsentation am Nationaltheater Mannheim (Einrichtung der Lesung: Inka Neubert).

STEFANO MASSINI hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe weiterer Stücke geschrieben, von denen nach der Uraufführung am Piccolo Teatro Mailand in letzter Zeit vor allem die „Lehman Trilogy“ großes Aufsehen erregte. Die deutschsprachige Erstaufführung dieses Textes („Lehman Brothers“) ist für Juni 2015 am Staatstheater Dresden geplant (Regie: Stefan Bachmann).

Sabine Heymann
Sabine Heymann

INTERVIEW MIT SABINE HEYMANN, DER ÜBERSETZERIN DES TEXTES

Frau Heymann, Sie haben „Donna non rieducabile“ ins Deutsche übersetzt. Wie sind Sie auf den Text aufmerksam geworden?

SABINE HEYMANN: Schon vor einigen Jahren hat mich mein Freund Christoph Lepschy (Professor für Dramaturgie an der Universität Mozarteum) auf Stefano Massini aufmerksam gemacht. Massini hatte in Salzburg 2011 einen Workshop zum zeitgenössischen italienischen Theater abgehalten und gemeinsam mit den Studierenden seinen Text „Il crollo“ (Der Crash) behandelt, der wohl eine erste Version der späteren „Lehman Trilogy“ war. Seitdem habe ich seine Arbeit aus der Ferne verfolgt und mich gefreut, dass es endlich einmal einem zeitgenössischen italienischen Autor gelang, auf italienischen Bühnen gespielt zu werden und Erfolg zu haben – was immer noch ein sehr schwieriges Unterfangen ist. Im vergangenen September kam dann Per Lauke mit der Anfrage auf mich zu, ob ich „Donna non rieducabile“ für seinen Verlag übersetzen könnte. Von dem Text war ich auf Anhieb fasziniert. Wie Massini das Thema angegangen ist, wie er das Material montiert und bearbeitet hat, das ist einfach großartig. Es ist ein sehr guter, ein spannender politischer Text, ein hochdramatischer Monolog, der einem für vieles die Augen öffnet. Die menschliche Größe und das journalistische Kaliber von Anna Politowskaja, die ich bis dahin nur oberflächlich kannte und von der ich noch nie etwas gelesen hatte, lernte ich über den Umweg der Übersetzung kennen. Beim Übersetzen habe ich vor allem versucht, dieselbe Gratwanderung nachzuvollziehen, die auch Politowskaja in ihrer Arbeit ständig vollzogen hat: zwischen Empathie und kritischer Distanz.

Was ist für Sie das Besondere am Übersetzen dramatischer Texte? Gibt es dabei spezifische Herausforderungen?

SABINE HEYMANN: Jeder Text hat sehr spezifische Anforderungen an die Übersetzung. Jeder Text ist auf seine Weise schwierig. Jedesmal müssen neue, eigene Lösungen gefunden werden. Handwerklich ist das Vorgehen schnell beschrieben: Der erste Durchlauf ist die Rohübersetzung, die sich sehr genau am Original entlanghangelt. Die ist schnell gemacht. Dann gibt es einen Abgleich, der auf Vollständigkeit, Missverständnisse, Fehler achtet. Vom dritten Durchgang an wird das Original mehr oder weniger beiseitegelegt. Dann erst geht es im übersetzten Text an die inhaltliche Stringenz, den Schliff, die Beseitigung von „Stolpersteinen“ … in der letzten Phase lese ich den Text noch einmal laut, dann geht es nur noch um Sprechbarkeit.

Vielleicht können Sie uns abschließend noch kurz etwas über die aktuelle Theaterszene in Italien erzählen. Wie ist es um die Position der zeitgenössischen Dramatik bestellt? Kommen in den Spielplänen auch ausländische Texte in italienischer Übersetzung vor?

SABINE HEYMANN: Wie oben angedeutet, haben es italienische Autor/innen bis heute schwer, sich zu behaupten. Es werden viele Texte geschrieben, aber nur wenige aufgeführt. Das liegt am prekären Theatersystem in Italien. Wenn ein Text einmal gespielt worden ist (meist als Eigenproduktion), ist das meist das Ende vom Lied. Nachgespielt wird so gut wie nie. Es gibt aber immer wieder sehr gute Autor/innen zu entdecken: neben den in Deutschland bereits bekannten und gespielten Davide Carnevali, Fausto Paravidino, Letizia Russo, Edoardo Erba und neben Stefano Massini sind das u.a. Magda Barile, Patrizia Zappa Mulas, Marco Calvano. Um nur einige Namen zu nennen. – Leichter haben es dagegen ausländische (auch zeitgenössische) Texte in italienischer Übersetzung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Text und Interview-Fragen: Ulrike Syha

SABINE HEYMANN ist Geschäftsführerin des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Gießener Universität, Theaterkritikerin und Journalistin, Übersetzerin von Theatertexten, Belletristik und Sachbüchern aus dem Italienischen, Französischen und Englischen, Kennerin der Theaterszene in Italien und China. Sie hat bei zahlreichen internationalen Festivals und Projekten als künstlerische Beraterin und Dramaturgin mitgewirkt. Von 1981–1994 arbeitete sie als Kulturkorrespondentin für die Frankfurter Rundschau, den Hessischen Rundfunk, Theater heute, WDR, Deutschlandradio u.a. in Rom. Lehraufträge und Vorträge führten sie an die FU Berlin, die Universitäten Mainz und Frankfurt/Main sowie das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Universität Gießen. Seit 1994 arbeitete sie in der Kunst-und Ausstellungshalle in Bonn als Kuratorin für Rahmenprogramme zu den Ausstellungen. Seit 1996 war sie Persönliche Referentin des Präsidenten der Gießener Universität. Seit der Gründung 2001 ist sie Geschäftsführerin des ZMI.

http://www.zmi.uni-giessen.de/home/profil-sheymann.html

VERLAGSKONTAKT: 

PER H. LAUKE VERLAGe.K.

e-mail: lv(at)laukeverlag.de

http://laukeverlag.de

 

PORTRÄT: Maria Tryti Vennerød

DAS NORWEGISCHE STÜCK „DIE PRÜFUNG“. INTERVIEW MIT MARIA TRYTI VENNERØD, Autorin, UND NELLY WINTERHALDER, Übersetzerin.

Maria Tryti Vennerød
Maria Tryti Vennerød

„DIE PRÜFUNG“ spielt in einem Klassenzimmer. Ein Schüler ist der Schule verwiesen worden, und in einer Schule in der Nachbarschaft findet möglicherweise gerade ein Amoklauf statt, möglicherweise verübt von diesem Schüler. Im Klassenzimmer selbst hingegen wird gerade die jährliche nationale Abschlußprüfung durchgeführt, die Anspannung zwischen den anwesenden Schülern und Lehrern ist groß. Maria, kannst du uns etwas über die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte dieses Textes in Norwegen erzählen?

Maria Tryti Vennerød: Der Text wurde für DUS 2011 („Den Unge Scenen“, zu deutsch etwa: Die Junge Bühne) geschrieben, ein Jugendtheaterfestival, für das mehrere Autoren je einen Theatertext schreiben, ähnlich wie „Connections“ in Großbritannien. Verschiedene Jugendtheatergruppen im ganzen Land konnten zwischen den sechs neugeschriebenen Texten wählen. Vierzehn Gruppen haben sich entschieden, jeweils ihre Version von ”Die Prüfung” zu zeigen. Ich wollte ein Thema finden, das für Erwachsene genauso Gültigkeit besitzt wie für Jugendliche. ”Die Prüfung” handelt von einer Gesellschaft, die durch Furcht in Auflösung gerät. Das Motiv ist eine Schulklasse in der Mittelstufe, die aus Angst vor einem Schulmassaker auseinanderbricht.

Der Text handelt davon, wie extreme Haltungen entstehen können und wie wir uns zu Abweichlern oder zu denen ”die wir nicht mögen oder verstehen” verhalten, wie wir sie abweisen. Der Text thematisiert auch das Aufbegehren gegen das kulturradikale Erbe der 68er-Generation, wo Antiautorität weitgehend alleinherrschend und selbst wiederum autoritär geworden ist. Vielleicht ist das besonders verbreitet in Skandinavien – dass junge Menschen eine Wut gegen die allgegenwärtige Freundlichkeit der Elterngeneration verspüren – nichts erzeugt große Konsequenzen und darum kann alles normlos und gleichgültig werden. Wenn nichts eine Rolle spielt, kann man sich auch selbst wertlos fühlen. Die Gefahr eines liberalen und antiautoritären Systems liegt darin, dass die Menschen anfangen, nach festen und überautoritären Haltepunkten zu suchen, aus einer Sehnsucht heraus, dass Dinge etwas bedeuten sollen. Auf diese Weise kann es zu idealen Bedingungen für Extremismus kommen. Darüber wollte ich schreiben, in einem Text, der auch für Jugendliche geeignet sein und viele Rollen haben sollte.

„DIE PRÜFUNG“ kommt mit wenigen Worten aus, der Text hat fast etwas Minimalistisches an sich. Dadurch bekommen ganz konkrete Vorgänge manchmal eine nahezu „mystische“ Dimension. Das hat mich persönlich beim Lesen des Textes sehr fasziniert. Man hat immer das Gefühl, unter dem Gesagten liegt noch etwas anderes, eine weitere Ebene, eine andere Geschichte, etwas, das es zu entdecken lohnt. Maria, ist dieser Schreibstil typisch für dich als Autorin oder hat er sich vielleicht aus dem Stoff heraus entwickelt? Oder siehst du dich da in einer norwegischen oder skandinavischen Tradition?

Maria Tryti Vennerød: Knappheit, kombiniert mit Zweideutigkeit ist wohl typisch für meine Theatertexte. Ich bewege mich außerdem gerne an der Schnittstelle zwischen dem Minimalistischem und dem Üppigen, ja Schwülstigen, Burlesken. Ich mag, wenn Texte von gepfefferten, minimalistischen Dialogen zu plötzlichen Ausbrüchen wechseln, mit einer gerne sehr farbenfrohen Sprache. Der Rhythmus und die Musik in der Sprache sind mir wichtig, weil der Rhythmus sich aus der Situation hier und jetzt ergibt und damit für den Untertext wichtig wird. Präzision kombiniert mit Zweideutigkeit, Poesie kombiniert mit dem Burlesken, und am liebsten Geschichten, die aus einer antifaschistischen Grundhaltung heraus erzählt werden – das sind wohl meine Ideale, und die Form trägt selbstverständlich dazu bei, den Grundton in jedem Stück zu erzeugen.

Es stimmt, viele norwegische Theaterautoren schreiben minimalistisch. Die beiden bekanntesten, Jon Fosse und Arne Lygre, schreiben knapper und kühler als ich es selbst tue. Auf die Frage nach meinen Vorbildern habe ich einmal geantwortet, dass das Jon Fosse, Harold Pinter und William Shakespeare sind – und das stimmt, in dem Sinne, dass alle drei Qualitäten besitzen, die mich auf verschiedene Weise inspirieren. Harold Pinter hat für mich dennoch am meisten bedeutet – aber das allerwichtigste ist ja, hinzuhören und seiner eigenen Stimme zu folgen.

Nelly, du hast „Die Prüfung“ ins Deutsche übersetzt und dabei eine sehr flüssige, plastische Sprache gefunden. Ich denke, man merkt, dass du selbst auch Autorin bist. Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Maria gekommen? Was hat dich an dem Text begeistert?

Nelly Winterhalder: Maria hat die Premiere meines ersten norwegischen Theatertextes gesehen und mich gleich am nächsten Tag gefragt, ob ich ihre Texte ins Deutsche übersetzen würde. Ich war zunächst überrascht, ich hatte ja vorher nur meine eigenen Texte übersetzt, aber spätestens nachdem ich „Die Prüfung“ gelesen hatte, gab es eigentlich keinen Zweifel mehr. Wir arbeiten als Autorinnen recht ähnlich, mit großem Bewusstsein für Rhythmus und Sprache, für Zweideutigkeit, und in einer Knappheit, die auch Raum für spielerische Ausbrüche lässt. Kein Wort ist dem Zufall überlassen, jeder Rhythmus trägt dazu bei, den Untertext zu transportieren. Es ist eine große Verantwortung, dieses feine Gefüge zu übersetzen, und war für mich eine tolle Herausforderung.

Vielleicht könnt ihr uns abschließend noch kurz etwas über die zeitgenössische, norwegische Dramatik erzählen. Gibt es im Moment eine lebhafte Szene in Norwegen? Werden auch viele Stücke, die aus anderen Sprachen übersetzt wurden, gespielt? Und wenn ja, aus welchem Sprachraum kommen diese Stücke vor allem?

Maria Tryti Vennerød: Im Laufe der letzten 15 Jahre gab es viel Engagement und die norwegische Gegenwartsdramatik ist aufgeblüht. Es gibt mehr Theatertexte, die Texte haben sich geöffnet und von dem psychologisch-realistischen Erbe Ibsens entfernt. Arne Lygre und andere etablierte Dramatiker, wie ich selbst, schreiben Texte, die man dramatisch nennen kann, in denen sich die Handlung zwischen Figuren in einem Raum abspielt, während sich der Text gleichzeitig deutlich reflexiv zu sich selbst als Theatertext verhält. Andere Autoren haben sich in noch größerem Grad dem postdramatischen Theater verschrieben, sie schreiben für ein Theater ohne Figuren, in dem Illusionen gebrochen und sichtbar gemacht werden – oder es gibt gar überhaupt keine Illusion mehr. Daneben gibt es viele Theaterschaffende, die eigentlich Schauspieler oder Regisseure sind, die ihre eigenen Texte schreiben, oder die ihr Material durch Interviews oder auf andere Art sammeln. Ausländische Texte werden ständig gespielt, vor allem aus Europa. Es wird vor allem aus dem Englischen, dem Deutschen und den anderen skandinavischen Sprachen übersetzt. ”Zwanzigtausend Seiten” von Lukas Bärfuss wurde letztes Jahr auf Oslos grösster Bühne gespielt. Gerade kann man in Oslo u.a. Texte von Mark Haddon (englisch), Rikke Wölck (dänisch), Ivan Virypaev (russisch), David Hare (englisch) und Lars Norén (schwedisch) sehen.

Nelly Winterhalder: Ich lebe seit 9 Jahren in Norwegen, und in dieser Zeit hat sich tatsächlich viel bewegt, vor allem sehen wir eine größere Vielfalt an Texten, wie Maria schon sagte. Durch die Etablierung des ersten Studiengangs für Szenisches Schreiben in Norwegen 2013, durch die Eröffnung des Dramatikkens Hus/Norwegian Center For New Playwriting, durch die Arbeit vieler Dramaturgen, Regisseure und Theater ist der Fokus auf die norwegische Gegenwartsdramatik stärker geworden. Ich wünsche mir dennoch, dass wir noch mehr zeitgenössische Dramatik auch auf den großen Bühnen sehen, eine offenere, fachliche Debatte, mehr Mut zum Risiko von allen Seiten. Aber – wir sind auf einem guten Weg.

Vielen Dank für das Gespräch! Wir freuen uns auf die Lesung am Nationaltheater Mannheim am 31. Mai 2015, wo wir euch und den Text noch eingehender vorstellen werden (Einrichtung der Lesung: Inka Neubert). 

Die Fragen stellte ULRIKE SYHA.

Übersetzung der Antworten: NELLY WINTERHALDER.

Nelly Winterhalder
Nelly Winterhalder

WEITERE INFORMATIONEN ZU WERK UND BIOGRAPHIE:

Maria Tryti Vennerød

Maria Tryti Vennerød, geboren 1978, ist eine der bekanntesten zeitgenössischen Theaterautorinnen Norwegens. Seit ihrem Debüt 2002 wurden ihre Stücke immer wieder an größeren Theatern des Landes gespielt. Ihre Texte wurden zudem in zehn Sprachen übersetzt und in Inszenierungen und szenischen Lesungen auch im Ausland gezeigt, unter anderem in Frankreich (Paris, „La Colline“), Ungarn (Budapest, „Nationaltheater“) und New York („Theatre for the new city“). Sie hat am F.I.N.D Festival der Schaubühne Berlin teilgenommen und eine Reihe von Preisen erhalten, unter anderem den „Ibsen Award“ und den Preis beim Wettbewerb zum „Centennial of the End of the Norwegian-Swedish Union“. Außerdem war sie für den „Hedda Award“ nominiert. Zurzeit arbeitet sie an einem Auftragstext für eine achtstündige Theaterperformance des „Det Norske Teatret“, Oslo, für das auch Lukas Bärfuss und Oleg Begajev einen Schreibauftrag erhalten haben.

http://www.mariatryti.com/framsyningar

http://nordiska.dk/en/?s=Maria+Tryti+Vennerød&t=a&a_type=&a_name=&w_min=-1&w_max=999&m_min=-1&m_max=999

Nelly Winterhalder

Nelly  Winterhalder,  geboren  1979  in  Löffingen  (Baden-­‐Württemberg),  ist  Dramatikerin,   Schauspielerin  und  Übersetzerin.  Sie  studierte  italienische  Literaturwissenschaft,   Germanistik  und  Theaterwissenschaft  in  München  und  Genova  (Abschluß:  Magister   Artium).  Ihre  Schauspielausbildung  erhielt  sie  bei  Artemis  Theater  in  München.  Seit  2006  lebt  sie  in  Oslo  und  arbeitet  mit  Projekten  v.a.  in  Norwegen  und  Deutschland.  Zur  Zeit  ist  sie  Masterstudentin  im  Szenischen  Schreiben  an  der  Kunsthøgskolen  in  Oslo.   Schauspielerin  und  Regisseurin  u.a.  am  Grusomhetens  Teater  Oslo,  Dansens  Hus  Oslo  und   am  E-­‐Werk  Freiburg.  Übersetzung  einer  Reihe  von  Theaterstücken  aus  dem  Norwegischen   ins  Deutsche.  Ihre  eigenen  Stücke  wurden  bislang  in  Norwegen,  der  Schweiz,  Italien  und   Nicaragua  aufgeführt.

Verlagskontakt: Nordiska ApS International Performing Rights Agency

www.nordiska.dk

PORTRÄT: Małgorzata Sikorska-Miszczuk

DER KOFFER (WALIZKA)

von Małgorzata Sikorska-Miszczuk

Der Koffer wurde für das zweite Programm des Polnischen Rundfunks (Dwojka) geschrieben.

Auf dem Theater war bisher eine polnische Inszenierung von Jan Klata zu sehen. Die deutschsprachige Erstaufführung der Übersetzung von Andreas Volk steht noch aus.

Małgorzata Sikorska-Miszczuk
Małgorzata Sikorska-Miszczuk

Das Stück erzählt die Geschichte des Franzosen Fransoua, der im Museum für Vernichtung einen Koffer mit dem Namen seines Vaters Pantofelnik und damit das Geheimnis seiner Herkunft entdeckt. Ein Erzähler führt uns in eine surreale und wendungsreiche Geschichte ein: Fransoua fühlt sich vage unwohl und wird von seiner Frau ins Museum geschickt. Eine Anrufbeantworterstimme wird zur zweiten Erzählerfigur Jaklin. Eine Museumsführerin im Museum für Vernichtung will kündigen, weil sie das unveränderliche Elend der Exponate nicht länger erträgt.

Nachdem Fransoua über einen Koffer im Museum seinem wahren Namen und seiner Identität auf die Spur gekommen ist, nimmt er in einer überraschenden Kadenz am Ende der Geschichte Kontakt mit diesem Koffer auf und vermag mit seinem von den Nazis vergasten Vater zu sprechen.

Dem Stück gelingt es, auf scheinbar geradezu unpolitische Weise die Verbrechen der NS-Zeit außen vor zu lassen und ausschließlich deren persönliche Auswirkung in der Gegenwart zu betrachten. Daher kommt die so schlafwandlerisch leichte Vorlage am Ende doch zu einer Katharsis mit großer emotionaler Tiefe. Indem sie die zweite Generation der Holocaust-Opfer zum Thema macht und die Hauptfigur wie auch das Publikum praktisch unbewusst an die tiefe Ursache ihrer Leiden heranführt, schafft Sikorska-Miszczuk einen wie zufälligen Bogen in den großen Zusammenhang. Nicht ganz ohne Einfluss bei der Wirkung ist sicher auch der für das Theater sehr fantasievolle Einsatz von im Radio schon ungewöhnlichen Wendungen, indem sich eine Erzählerfigur in die Stimme des Anrufbeantworters verliebt und kurzerhand durch die Leitung zu ihr kommt, so dass sie beide gemeinsam weiter durch das Stück führen. Die Autorin hat sich für das Stück von einer wahren Begebenheit inspirieren lassen.

Den Aspekt des Hörspiels haben Teile des Komitees kritisch betrachtet und als mögliches Hindernis für die Bühne, während die gewählten Mittel und Wendungen insgesamt als ungemein inspirierender Gewinn für eine Inszenierung gewertet wurden. Besonders wurde der imaginative Humor sowie eine tiefe Weisheit und Zärtlichkeit des Stücks vom Komitee geschätzt und hat dem Stück schließlich in die Endauswahl verholfen.

Die Autorin

Małgorzata Sikorska-Miszczuk, *1964, arbeitet nach ihrem Studium an der Universität Warschau und der Film- und Theaterakademie Łódź als Dramatikerin und schreibt zu dem regelmäßig Drehbücher.

Ihre Stücke – wie „Tod des Eichhörnchenmenschen“ (Kaiser Verlag Wien), „Catherine De Medici“, „Der Bürgermeister“, „Eiserner Vorhang“ oder „Bruno Schulz: Der Messias“ – wurden vielfach international ausgezeichnet, in zahlreiche Sprachen übersetzt und von renommierten Regisseuren zur Uraufführung gebracht.

In Warschau betreibt sie eine private Schule für Dramatiker_innen.

Beim Malta-Festival 2015 in Poznań ist die Vorpremiere der Oper DER ZAUBERBERG nach Thomas Manns Roman (Musik: Paweł Mykietyn, Regie: Andrzej Chyra) zu sehen, zu der sie das Libretto schreibt. Sie wird vertreten von der Agencja Dramatu

http://www.agencjadramatu.pl/

Weitere Theaterstücke (Auswahl): „Człowiek z Polski w czekoladzie“; „Zaginiona Czechosłowacja“; „Żelazna kurtyna“; „Psychoterapia dla psów i kobiet“; „Spalenizna/Rozkład“; „Śmierć człowieka wiewiórki“ (Tod des Eichhörnchenmenschen); „Burmistrz“ (Der Bürgermeister); „Mesjasz“ (Bruno Schulz: Der Messias)

Andreas Volk
Andreas Volk

Andreas Volk, *1971, ist Übersetzer zeitgenössischer polnischer Literatur, u. a. von mehr als zwanzig Theaterstücken. Er war Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Literatur polska2000 in Krakau, Stipendiat der Villa Decius, sowie 2009-2011 Koordinator des Projekts „Translation Studies“ am Collegium Polonicum in Slubice. Er ist Redakteur der in Krakau erscheinenden deutsch-polnisch-ukrainischen Literaturzeitschrift „radar“ und Mitbegründer des deutsch-polnischen Übersetzungsjahrbuchs „OderÜbersetzen“. 2013 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Vereinigung der polnischen Bühnenautoren und -komponisten Zaiks ausgezeichnet. Auf der Internetseite des Goethe-Instituts findet sich ein Interview.

http://www.goethe.de/ins/pl/lp/kul/dup/uwe/ueb/de6849474.htm .

Übersetzungen / Theaterstücke (Auswahl): Artur Pałyga, DER LETZTE VATER SEINER ART, (Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“, Wiesbaden, Juni 2010); Małgorzata Sikorska-Miszczuk, DAS ENDE DER WELT, (Theater Magdeburg, Premiere 16.4.2010); Krzysztof Warlikowski (A)POLLONIA (Wiener Festwochen, Juni 2009; Theater Hebbel am Ufer, Berlin, Juni 2010); Magda Fertacz, TRASH STORY (Maxim Gorki Theater, Berlin, Szenische Lesung, März 2009)

Übersetzungen von Prosa und Lyrik in den Zeitschriften „die horen“, „Lichtungen“, „OderÜbersetzen“ und „radar“ (u. a. Mariusz Sieniewicz, Inga Iwasiów, Eustachy Rylski, Włodzimierz Kowalewski, Krzysztof Varga, Konrad Wojtyła, Marta Syrwid)

TEXT: HENNING BOCHERT

NACHTRAG: „Der Koffer“ wird übrigens gerade vom polnischen Fernsehtheater (Studio Teatralne Dwójki) umgesetzt. Hier ein Videotrailer:

https://www.facebook.com/video.php?v=882975205101797

EURODRAM zeigt am 31. Mai 2015 am Nationaltheater Mannheim einen Ausschnitt aus „Der Koffer“ (Einrichtung der Lesung: Sandra Schüddekopf).