Stipendium: Greg Liakopoulos übersetzt Raoul Biltgen

Interview mit Greg Liakopoulos zu seiner Übersetzung des Stückes Der freie Fall von Raoul Biltgen ins Griechische.

Die Übersetzung wurde ermöglicht durch Unterstützung des Bundeskanzleramts Österreich.

Foto Greg Liakopoulos
Der Regisseur und Übersetzer Greg Liakopoulos | Foto: Daniel Schlegel

Wolfgang Barth: Lieber Greg, du hast das Stück Der freie Fall von Raoul Biltgen aus dem Deutschen ins Griechische übersetzt. Kannst du uns etwas über deinen Werdegang, dein Leben und deine Arbeit erzählen, damit plausibel wird, wie es dazu kam?

Greg Liakopoulos: Ich habe in Athen Schauspiel studiert, und nach zwei Jahren der Arbeit in der dortigen freien Szene bin ich nach Hamburg gezogen, um an der Theaterakademie Hamburg Regie zu studieren. Mittlerweile wohne ich in Berlin und arbeite sowohl in Deutschland als auch in Griechenland als Regisseur, Dramaturg und Übersetzer.

Meine Tätigkeit als Übersetzer ist aus der Theaterpraxis entstanden: Ich war unzufrieden mit einigen Übersetzungen aus dem Deutschen, die mir begegnet waren, und wusste, dass es tolle Stücke gab, die noch nicht ins Griechische übersetzt wurden.

Kamen dir Inhalt und Form des Stückes entgegen oder spielte das bei der Übersetzung keine Rolle?

Ich empfinde Übersetzen als eine dem Original gegenüber sehr verantwortungsvolle Arbeit. Das heißt für mich, dass ich mich in jeden Text verliebe, den ich übersetze. Der freie Fall war keineswegs eine Ausnahme.

Gab es sprachlich oder inhaltlich besondere Herausforderungen oder Probleme? Liegt hierin ein Unterschied zu früheren Übersetzungen?

Dieses Stück bedient sich einer Alltagssprache, die aber rhythmisiert ist und stark mit Wiederholungen arbeitet. Den Rhythmus eines Textes in eine andere Sprache zu übertragen, ist immer eine Herausforderung. Dazu kommen auch die Wortspiele, die Biltgen eingebaut hat, die immer eine gewisse Kreativität erfordern. Vor allem war es aber auch das erste Mal, dass ich ein Stück übersetzt habe, das hauptsächlich an ein jugendliches Publikum gerichtet ist.

Die Thematik des Stückes ist für Deutschland hochaktuell. Adressaten sind besonders Jugendliche. Sicher führten auch diese Gesichtspunkte zur Auswahl durch Eurodram. Wie sieht es damit nach deiner Einschätzung in Griechenland aus? Meinst du, dass das Stück dort auf Interesse stößt?

Leider sind rassistische und religiöse Vorurteile auch in Griechenland nichts Unbekanntes. Auch unter Jugendlichen. Es ist gerade weltweit eine Blütezeit für nationalistische Erzählhaltungen und Verschwörungstheorien, da ist Griechenland keine Ausnahme. Es wäre nur wünschenswert, dass die Kunst ein Gegengewicht dazu darstellen könnte. Hoffentlich kann Der freie Fall etwas in diese Richtung leisten.

Kannst du uns knapp etwas zur aktuellen griechischen Theatersituation sagen? Passt das Stück in die griechische Theaterlandschaft? Gibt es eine Aussicht auf Aufführung und Verbreitung?

Sehr kurz zusammengefasst: Eine riesige, bunte, unüberschaubare Theaterlandschaft mit sehr knappen Geldmitteln und geringer staatlichen Unterstützung.

Es gibt bereits Interesse von einer Regisseurin am Stück, mal sehen was daraus wird.

Die Übersetzung wurde vom österreichischen Bundeskanzleramt gefördert. Hat das gut geklappt?

Auf jeden Fall. Es lief alles bis jetzt ziemlich unkompliziert.

War die Übersetzung dein erster Kontakt zu Eurodram? Kannst du uns aufgrund deiner Erfahrung Empfehlungen für unsere weitere Arbeit geben?

Ja, das war meine erste Kooperation mit Eurodram. Ich finde, es handelt sich um eine höchst unterstützenswürdige Initiative, die eine Lücke zu füllen versucht, und zwar die europaweit mangelnde Vernetzung von Theaterautor*innen und –übersetzer*innen. Es freut mich auch sehr zu sehen, dass das deutschsprachige Komitee von Eurodram eines der aktivsten ist und dass engagierte Menschen dafür arbeiten.

Was ich mir wünschen würde, wäre: noch mehr Austausch! Vielleicht ein Treffen der Übersetzer*innen und der Autor*innen?

Wolfgang Barth für Eurodram, 13.11.2018

Raoul Biltgen: DER FREIE FALL

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Raoul Biltgen. – Foto: G. Huberty

DER FREIE FALL ist ein Stück für drei DarstellerInnen, das sich mit unerwartet leichten Mitteln dem Thema „Radikalisierung“ annähert. Die Uraufführung fand im Januar 2016 in Wien am Theater Jugendstil statt. Kannst du uns etwas über den Entstehungsprozess erzählen? Wie stark warst du als Autor in die Proben eingebunden?

DER FREIE FALL war ein Auftragsstück vom Theater Jugendstil, das Thema Radikalisierung war vorgegeben. Der leichte Zugang war für mich von Anfang an sehr wichtig, ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, die jungen Zuschauer für die Figuren auf der Bühne zu gewinnen, ohne dass sie sie gleich in Schubladen stecken: Nazi, Terrorist. Erst dann lasse ich die Figuren sich allmählich genau da hin entwickeln. Auf einmal sind sie Nazi und Terrorist. Damit erreiche ich, dass die Zuschauer bei der Entwicklung mitgehen und sie nachvollziehen können. All diese Sachen überlege ich mir als Autor, ehe ich das Stück schreibe und zu den Proben freigebe. Aber ich bleibe dabei, ich verfolge, wie in den Proben die Texte aufgenommen werden, ich kann jederzeit etwas ändern und auch auf Wünsche eingehen. In diesem Fall entstand zum Beispiel die Klammer mit den Superhelden am Anfang und Ende aus den Proben heraus, weil ich einen Superhelden-Vergleich geschrieben hatte, mit dem die SchauspielerInnen und der Regisseur nichts anfangen konnten.

 

DER FREIE FALL spielt unter Jugendlichen, das Stück richtet sich an ein jugendliches Publikum im Alter von 12 Jahren aufwärts. Verändert sich deine künstlerische Herangehensweise, wenn du für junge Menschen schreibst? Richtet sich der Text auch an Erwachsene?

Auf jeden Fall richtet sich das Stück auch an Erwachsene. Es gibt für mich keine Altersgrenze nach oben, nur nach unten. Weil es nun mal manche Themen gibt, mit denen Kinder noch nichts anfangen können, oder auch Herangehensweisen, die sich nicht auf ihr eigenes Leben umlegen können. Aber das ist es auch schon, was einen möglichen Unterschied im Schreiben für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene angeht.

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Aus der Inszenierung des Theaters Jugendstil, Wien.

 

In den letzten Jahren wird viel über Theater als politischen Ort oder als Ort der politischen Debatten gesprochen. In welchem Verhältnis siehst du deine eigene Arbeit dazu? Ist DER FREIE FALL ein politisches Stück?

DER FREIE FALL ist ein politisches Stück, so wie jedes Stück, das die Gesellschaft behandelt, in der wir leben, auch eine politische Komponente hat. Allerdings hat dies nichts mit Parteipolitik zu tun. Ich sage nicht: So ist es richtig, so ist es falsch (was die Politik ja sehr gerne mal tut), sondern ich versuche, Gedanken und Gefühle von Menschen nachvollziehbar zu machen. Dass dies dazu führt, anderen Menschen offener gegenüberzutreten, sie anders zu sehen, und zwar als gar nicht mal so verschieden, ist gewünschter Nebeneffekt. Und auf jeden Fall gesellschaftspolitisch von Bedeutung.

 

Du stammst aus Luxemburg, lebst aber bereits seit vielen Jahren in Wien. Du schreibst auf Deutsch – hast du deine Stücke auch schon in Übersetzung erlebt? Wenn ja, was waren deine Erfahrungen damit? Und wurde DER FREIE FALL auch schon mal in Luxemburg gezeigt?

Es gibt zwar ein paar wenige Übersetzungen von Stücken von mir, gespielt wurde aber bis jetzt nur eine, und zwar auf Sorbisch. Leider habe ich die Inszenierung nicht sehen können. Ich habe auch ein paar Stücke auf Luxemburgisch geschrieben, die ich dann selbst ins Deutsche übersetzt habe, die Übersetzungen sind aber noch nicht gespielt. DER FREIE FALL war bis jetzt nur in der Wiener Uraufführungsinszenierung in Österreich zu sehen. Da es aber neben der EURODRAM-Auswahl auch auf die Shortlist des Niederländisch-Deutschen Kinder- und Jugenddramatiker-Preises gekommen ist, hoffe ich auf ein wenig Aufmerksamkeit, dass sich auch andere Theater dafür interessieren. Das Thema wäre ja recht aktuell.

 

EURODRAM hat dem Übersetzer Greg Liakopoulos ein Stipendium des Bundeskanzleramts Österreich vermittelt, um den Text ins Griechische zu übersetzen. Wir freuen uns auf die Übersetzung und sind gespannt, welche Reaktionen DER FREIE FALL in Griechenland auslösen wird. In welche andere europäische Sprache hättest du persönlich eine Übersetzung noch interessant gefunden?

Es geht mir weniger um die Sprache als mehr um ein Land, in dem das Stück dann hätte gespielt werden können. Wie würde man auf meine Herangehensweise an das Thema in Ungarn reagieren? Oder in Frankreich? Italien? Wie ist die Situation in den nordischen Ländern? All das würde mich sehr interessieren. Aber ich weiß auch absolut nicht, wie das Thema gerade in Griechenland behandelt wird, ob es vergleichbar mit dem ist, was wir in Österreich und Deutschland erleben. Auch das durch die Übersetzung zu erfahren, wird noch sehr spannend.

 

Du bist ausgebildeter Schauspieler, hast aber auch als Dramaturg gearbeitet und in den letzten Jahren vermehrt als Psychotherapeut. Wie beeinflussen diese unterschiedlichen Berufszweige dein Schreiben?

Dass ich Schauspieler bin, führt dazu, dass ich sicher sehr praktikabel schreibe, sehr nah an den Figuren bin, es geht mir nicht um irgendwelche verkopften Gedankengänge, die ich mir zuhause austüftele, sondern darum, was auf die Bühne zu bringen. Und ich schreibe sicher auch Texte, die den Schauspielern Futter geben, dass sie was zum Spielen haben. Auch wenn sie sich am Anfang immer darüber beschweren, dass meine Sprache so schwer zu lernen ist. Stimmt nämlich gar nicht. Aber da kommen sie dann schon drauf. Die Dramaturgie hat mich Bescheidenheit gelehrt, vor allem als Schauspieler. Es geht in einem Stück nicht nur um die Hauptrolle. Warum sollte es mir dann als Schauspieler immer nur darum gehen, so viel Text wie möglich zu haben. Die Psychotherapie hat mich sicherlich dazu gebracht, ein anderes, wesentlich tiefer gehendes Menschenbild zu (be)schreiben. Ich erkenne viel mehr, wie „normal“ die meisten Leben sind. Und dass eben aus dieser (vermeintlichen) Banalität auch was Ungewöhnliches entstehen kann. Und dass es genau das ist, was interessant ist. Die außergewöhnlichen Menschen, die von vorneherein etwas Spezielles an sich haben, gerade in Film, Fernsehen und Theater die sogenannten „Bösen“, haben nichts mit uns zu tun. Dafür sind es viel zu wenige. Es werden extrem wenige Menschen durch psychopathische Serienkiller in Clownsmasken dahingemetzelt, aber sehr viele von dem Menschen erschlagen, den sie lieben.

 

Das Gespräch führte Ulrike Syha.

 

INHALTSZUSAMMENFASSUNG

In DER FREIE FALL beschäftigt sich Raoul Biltgen mit dem hochaktuellen Thema „Radikalisierung der Jugend“.

Die beiden Hauptfiguren, Karin und Karim, kommen aus dem rechtsradikalen bzw. fundamentalistisch-islamischen Milieu. Die potentielle Rechtsradikale und der theoretische Dschihadist lernen sich beim Tanzen kennen. Karin und Karim erzählen die Geschichte einer möglichen Radikalisierung und die Geschichte einer beinahe unmöglichen Liebe. Klischees und Vorurteile prallen auf-einander und lassen trotz gegenseitiger Anziehung eine wirkliche Annäherung nicht zu.

2 D / 1 H – ab 12 Jahren

Rechte: Thomas Sessler Verlag, Wien (http://sesslerverlag.at/theater/kontakt/)

 

BIOGRAPHIE

Raoul Biltgen, geboren 1974 in Luxemburg, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller, Schauspieler und Theatermacher in Wien. Seit 2015 arbeitet er zusätzlich als Psychotherapeut bei der Männerberatung Wien, am Institut für Forensische Therapie und in der Justizanstalt Sonnberg. Raoul Biltgen war schon dreimal für den Glauser-Preis nominiert (2014 und 2017: Bester Kurzkrimi, 2018: Bester Roman). 2017 war er Preisträger des Niederländisch-Deutschen Kinder- und Jugenddramatikerpreises für „Robinson – meine Insel gehört mir“. 2018 war die Uraufführungsproduktion seines Theaterstücks „Parzival“ für den Stella – Darstellender.Kunst.Preis für jungen Publikum nominiert. Zuletzt erschien sein Roman „Schmidt ist tot“ beim Verlag Wortreich.

www.raoulbiltgen.com

www.adamspricht.com

 

 

Akın Emanuel Şipal: EIN HAUS IN DER NÄHE EINER AIRBASE (Weitere Empfehlungen)

von Henning Bochert

Akın Emanuel Şipal | Foto: Max Zerrahn

Akın Emanuel Şipals Stücke spielen anderswo. KALAMI BEACH auf Korfu an einem Traumstrand, SANTA MONICA neben nämlichen Ort auch in Essen und der Türkei, und die Hauptfigur von VOR WIEN landet in Istanbul eigentlich auch nur zwischen.

Da passt es gut ins Bild, dass die Personen in EIN HAUS IN DER NÄHE EINER AIRBASE komplett deplatziert sind, sogar im Aktiv: Sie haben sich deplatziert. Eine Familie aus Deutschland ist in die Nähe der NATO-Militärlagers in Incirlik gezogen, wo sie ein Ferienhaus besaßen, das sie nun dauerhaft beziehen. Die Tochter, späte Teenagerin, ist nicht begeistert, sie wehrt sich gegen die „Entwurzelung“, während die Mutter ihren Geburtsort „Ibbenbüren“ nicht als Identifikationsort sieht, gleichzeitig aber auch ihre „Herkunft nicht als Handicap“.

Irene Kleinschmidt und Siegfried W. Maschek in der Uraufführungsinszenierung am Theater Bremen | Foto: Theater Bremen

Hierher migriert, versuchen sie, ihre Version von Normalität zu leben. Die Figuren heißen Vater, Mutter, Tochter. Das Prinzip von Migration wird rasch erläutert: „Akklimatisierung Akkommodation Akkumulation“. Der Vater verkauft ehrgeizig Solarpanels (ohne Vertriebsstrukur quasi als Hausierer). Nur will sie keiner haben, weil das in Deutschland so innate Bewusstsein für Nachhaltigkeit hier als absurde Schnurre betrachtet wird. Die Mutter therapiert die wohlhabenden Damen aus der Nachbarschaft, die aber nicht begreifen, dass dies ein Beruf ist und kein Hobby und nicht auf die Idee kommen, dass dafür zu bezahlen wäre. Dennoch fühlt sich die Mutter wohl in einer neuen Zugehörigkeit: „Wenn ich in Deutschland einen Fehler mache, ist das nur ein Beweis dafür, dass ich nicht dazugehöre. Wenn ich hier einen Fehler mache, gehöre ich erst recht dazu.“ Also akkommodiert man sich:

VATER
die Couch wurde eingetauscht mit einem Diwan,

TOCHTER
einem, von dem aus man fernsehen konnte

Ständig passiert das Unwahrscheinliche, welches an dem Ort das Normale ist. Irgendwann sitzt unvermittelt der Soldat John auf dem Sofa, der auf der „Airbase“ stationiert ist und nach einem Anschlag von der Mutter ohnmächtig und voller Blut (nicht seinem) aufgelesen und kurzerhand mit nach Hause genommen wird, wo sie ihm erst mal Eier brät. Natürlich geht da was zwischen Tochter und Soldat.

Das Stück lässt sich Zeit. Die 93 Seiten sind vielleicht auch Abbild des neuen Zeitverständnisses der Familie an diesem Ort. Viel Erzählzeit wird verwendet auf die Beschreibung der Landschaften:

TOCHTER
Ein Hof,

MUTTER
eine Farm,

TOCHTER
ein Orangenhain.
(…)

MUTTER
Ein verwahrlostes Anwesen, auf das du zustapfst.
(…)

TOCHTER
Eine Badewanne aus der ein Stück herausgebrochen ist, in einem Bett aus Plastikmüll.

Dieses Tempo gibt dem Stück eine ruhige Kraft wie aus frühen Wim-Wenders-Filmen, vielleicht lustiger. Und nicht von ungefähr, denn Şipal schreibt tatsächlich auch Drehbücher. Er sieht diese Landschaften nicht nur, er verfügt auch über die Sprache, sie uns zu vermitteln, so dass sie zu inneren Landschaften der Verlorenheit, der Gewalt und der Absurdität werden. Doch die Poesie wird immer wieder mit einfachen, großen Sätzen geerdet:

TOCHTER
Also ich habe mich immer sehr wahrscheinlich gefühlt in Deutschland.

MUTTER
Du bist jung, du bist überall wahrscheinlich.

TOCHTER
Was meinst du überhaupt mit unwahrscheinlich?

MUTTER
Dass niemand mit einem rechnet.

Die Sprache arbeitet mit den stärksten Mitteln deutschsprachiger Dramatik, einer Poesie der Lakonie, die Alltagssprache mit Expressionismus auflädt:

MUTTER
Die Palmen schwitzen Kerosin und über die

VATER
gelben Markierungen auf dem Rollfeld

MUTTER
staken wir zum Terminal, warten auf unsere Koffer.

Sie lässt das Stück krass (also mit jähen Wechseln in Sprachregister sowie Handlungsverlauf) und schön daherkommen und vermittelt den sympathischen Eindruck, dass die Sprache Mittel ist, sich mit der grotesken Situation der Figuren zu amüsieren. Da die Figuren selber sprechen, teilen sie dieses Amüsement und werden nicht verraten.

Darüber hinaus verbindet Şipal seine hochkalibrige Sprache mit einem starken Plot und einer vorsichtig epischen Erzählweise, will sagen, die Figuren berichten per prosaischer Mittel wie Inquit-Formeln („sagte sie“, „sagte er“) einem Publikum, das nur wir sein können, von diesen Ereignissen in einem Wechsel von Präsens und Präteritum und erzeugen so eine wiederum sprachliche Distanz zum Geschehen, in dem sie manchmal stecken und dann wieder nicht so sehr. Keinesfalls brutal postdramatisch ist also dieser Text, der auch nicht unbedingt eine bestimmte Ästhetik vorschreibt oder zulässt, sondern die Realitäten des Dargestellten und der Darstellung changieren, was charmant ist. So stellen die Figuren sich die offensichtlichen Fragen auch gegenseitig:

JOHN
Es ist Krieg, die PKK wird ausgeräuchert, was macht ihr hier?

Als John – die nächste Unwahrscheinlichkeit – sich als Theaterautor entpuppt, hat er zwar so lustige wie entscheidende Bildungslücken, doch werden damit auch die für das gebildete deutsche Publikum delektierlichen Selbstreflexionen des Theaters möglich:

VATER
Wie kann das sein, du bist Theaterautor und hast Sechs Personen suchen einen Autor nicht gelesen?

Man ist sich gegenseitig Chor:

MUTTER
Die Sonne dörrt uns, wir trocknen

ALLE
aus.
Kann jemand mal dieses Licht ausknipsen, dieses große, da oben das, genau.

JOHN
Ihr seid echt braun geworden.

Und als wäre es immer noch nicht genug (es ist nie genug), fantasiert der vom Anschlag noch delirierende John in einem großen dramaturgischen Wurf zudem von Kriegen anderer Epochen, die an diesem Ort herumgeistern: Er berichtet von einem früheren Feldzug gegen die Assyrer, von der Vernichtung der Stadt Babylon. Das stellt das so heutige Geschehen in einen sehr großen Kontext und macht wiederum das Stück größer. Mit den Figuren laufen wir durch uralte Kulturgeschichte, durch Ursprünge, erodierte Menschheitsgeschichte, nur um gleich wieder mit besten Kalauern im Politischen zu landen:

MUTTER
Wo ist dein Hemd?

VATER
Sie haben es.

MUTTER
Wer?

VATER
Die Mudschahedin.

TOCHTER
Papa.

VATER
Ach Mäuschen, die Steppe hat es in sich.

ALLE
Es ist Krieg da draußen.

MUTTER
Mudschahedin, was heißt das?

VATER
Bildungsversager aus Wanne-Eickel.

Mitunter wird aus dem Koran gelesen, aber das heilige Buch ist nicht so unheilig, fremd und banal, wie den säkularen Deutschen der ganze Ort fremd ist, eine Geschichte, etwas Ge- oder Erfundenes.

Und damit sind wir auch bei dem Grund, der mich dieses Stück zuallererst empfehlen ließ. Hier wird einem dezidiert deutschen und deutschsprachigen Publikum, dem durchschnittlichen Theaterpublikum, eine Perspektive vorgehalten, die dieses Publikum in der Regel nur von außen kennt: die Migration in die Fremde. Das Fremde wird bei aller Gewalt und Feindlichkeit aber nicht als bedrohlich, sondern als absonderlich dargestellt, denn diese Familie sind ja ausnahmsweise nicht die anderen, sondern das Publikum selbst. Diese Familie will es ja wissen. Hinein geht sie in die Gefahr, vor der diejenigen, über die in Deutschland Migrationsstücke handeln, fliehen. Das ist nicht tragisch oder brutal, sondern grotesk und durch die atemberaubende Sprache Şipals, gnadenlos und schön wie die Wüste. Fremd, karg, auch gewaltig, aber nie exotisch, denn es liegt darin eine Kenntnis des Beschriebenen und eine Chance zum Verstehen, eines Verstehens, das verändert. Die Fremdheit wird dem hiesigen Publikum mit allen Fertigkeiten des Theaters durch die eigenen Augen vermittelt. Die bewährtesten Register werden gezogen, und die Expertise, mit der das geschieht, lässt das Stück groß werden und vermeidet den Ermüdungseffekt des bereits Bekannten.

Der Schluss der Geschichte thematisiert sich postmodern selbst:

TOCHTER
Hier.

JOHN
Hier endet.

MUTTER
Ja hier,

TOCHTER
endet.

VATER
Unsere

TOCHTER
Geschichte.

MUTTER
Unsere Geschichte endet mit Gott?

JOHN
Warum nicht? Gott ist überall.

VATER
Naja,

TOCHTER
unsere Geschichte endet mit einem spirituellen Ereignis.

MUTTER
Das klingt schon besser, danke.
(…)

JOHN
Und jetzt? Wie endet es? Hey, das ist nicht meine Geschichte, ich bin nur eine militärhistorische Arabeske.

EIN HAUS IN DER NÄHE EINER AIRBASE wurde am 02.02.2018 von Frank Abt am Theater Bremen uraufgeführt (Verlag: Suhrkamp Theater Verlag).

Akın Emanuel Şipal, 1991 in Essen geboren, studiert Film an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. In der Spielzeit 17/18 arbeitet er als Gastdramaturg und Hausautor am Theater Bremen.

Auswahl 2018: die Übersetzerstipendien

Anlässlich der Präsentation der Auswahl 2018 originalsprachlicher Theatertexte am Theater Drachengasse in Wien am 16. April 2018 konnte das deutschsprachige Komitee auch schon die Vergabe der Übersetzerstipendien bekanntgeben.

Die große Frage wurde bis zum Schluss aufgespart: Welches Stück wird von wem in welche Sprache übersetzt?

Biltgen, Busch, Moradpour, Bochert, Syha, Barth | Foto: C. Mayer

Wir freuen uns sehr, nun auch hier bekanntzugeben:

DAS RECHT DES STÄRKEREN von Dominik Busch wird von Anna Lengyel ins Ungarische übersetzt. Die Übersetzung wird von ProHelvetia gefördert.

DER FREIE FALL von Raoul Biltgen wird von Greg Liakopoulos ins Griechische übersetzt. Die Übersetzung wird vom österreichischen Bundeskanzleramt gefördert.

EIN KÖRPER FÜR JETZT UND HEUTE von Mehdi Moradpour wird von Iryna Herasimovich ins Belarussische übersetzt. Die Übersetzung wird vom Goethe-Institut gefördert.

 

Die Veranstaltung selbst wurde außerdem vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Wir gratulieren den Übersetzer*innen und den Autoren und wünschen eine hervorragende Zusammenarbeit. Den Förderern danken wir sehr, dass diese entscheidenden Schritte möglich gemacht werden. Wir sind sehr gespannt, in welche Richtung sich die Arbeiten entwickeln und werden an dieser Stelle berichten.

 

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AKTIVITÄTEN: EURODRAM in Wien

Das Theater Drachengasse in Wien bietet dem deutschsprachigen Eurodram-Komitee zum dritten Mal die Möglichkeit, seine aktuelle Auswahl von für die Übersetzung besonders empfohlenen Theaterstücken zu präsentieren. Aus 85 Einsendungen wurden Mitte März drei im Original auf Deutsch verfasste Theaterstücke ausgewählt, die in jeweils eine andere europäische Sprache übersetzt werden.

Am 16. April um 18 Uhr zeigen wir unsere Auswahl 2018 mit folgenden Stücken und ihren Autoren:

Raoul Biltgen: DER FREIE FALL

Dominik Busch: DAS RECHT DES STÄRKEREN

Mehdi Moradpour: EIN KÖRPER FÜR JETZT UND HEUTE

Im Anschluss an die Präsentationen sprechen wir jeweils mit den Autoren. Moderation der Gespräche: Henning Bochert, Christian Mayer und Ulrike Syha.

Die szenischen Lesungen werden eingerichtet von Sandra Schüddekopf und Milena Michalek nach einem Konzept von Sandra Schüddekopf. Das Programm des Theaters findet sich hier.

R. Biltgen, M. Moradpour, D. Busch | Foto: Bochert

Gefördert durch:

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AKTIVITÄTEN: EURODRAM beim 4+1-Autor*innentreffen in Leipzig

Wie schon 2016 wird das europäische Netzwerk für Dramatik in Übersetzung EURODRAM auch in diesem Jahr wieder beim Treffen junger Autor*innen 4+1 am Schauspiel Leipzig zu Gast sein. Das Festival läuft vom 11.-13. April 2018 und stellt in szenischen Lesungen und Gesprächen junge Autor*innen der Lehrinstitute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor.

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Auswahl 2018 aller Sprachkomitees

EURODRAM 2018 – AUSWAHL ALLER SPRACHKOMITEES

العَرَبيّة / Арабский / Arabic
★  عشرة مشاهد ليست عنيفة (Ten scenes not too violent / Десять сцен, не самых насильственных) # Omar Al-Jibaii / Омар Аль-Джибаи
★  عشا العميان (Blind dinner / Ужин вслепую) # Anouar Abdul Moughith / Ануар Абдул Мугит
★  قلعة ملح (Salt Castle / Замок из соли) # Anna Akkash / Анна Аккаш
Հայաստանյան / Армянский / Armenian
★ Ծառի վերջը (The End of the Tree / Конец дерева) # Արմեն Հայաստանցի / Armen Hayastantsi / Армен Айастанци
Белорусский / Belarussian
★ Скура (Skin / Шкура) # Алёна Iванюшанка / Aliona Ivaniushanka
★ Онiкс (Onyx / Оникс) # Максiм Доська / Maksim Dosko
★ Сэкс мне не патрэбен (I don’t need sex / Секс мне не нужен Лёха Чиканос) # Лёха Чыканас / Liokha Chykanas
Bosanski, hrvatski, crnogorski, srpski / Боснийский, Хорватский, Черногорский, Сербский
★ Stela, poplava / Стела, поплава (Stela, the Flood / Cтела, наводнение) # Dino Pešut / Дино Пешут
★ Režim ljubavi / Режим љубави (The Regime of Love / Pежим любви) # Tanja Šljivar / Таня Шливар
★ Bijeli bubrezi / Бијели бубрези (Rocky Mountain Oysters / Бычьи яйца) # Vedrana Klepica / Ведрана Клепица
български / Bulgarian
★ Цикадите (The Cicadas / Цикады) # Мирослав Христов / Miroslav Christov
★ Рокхил (Rockhill / Рокхил) # Катя Караиванова / Katya  Karaivanova
★ На тъмно (In the dark / В потемках) # Сабина Стефанова / Sabina Stefanova
Deutsch / Немецкий / German
★ Der freie Fall (Free Fall / Свободное падение) # Raoul Biltgen / Рауль Бильтген
★ Das Recht des Stärkeren (Law of the Jungle / Закон Джунглей) # Dominik Busch / Доминик Буш
★ Ein Körper für jetzt und heute (A Body for the Here and Now / Одно тело, здесь и сейчас) # Mehdi Moradpour / Мэxди Мурадпур
Ελληνικά / Греческий / Greek
★ Το σπίτι του Ληστή ή οι Δράκοι με τις μακριές ουρές (The Ηouse of the Thief or The Dragons with the Long Tails / Дом вора или драконы с длинными хвостами) # Δέδε Θεώνη / Dede Theoni
★ Ο μπέμπης (Baby boy / Малыш) # Σωτηροπούλου Βίλη / Sotiropoulou Vily
★ Ξενίτης, Κορφούλα μου αργαδηνή (Xenitis my Corfu Girl / Ксения, моя девушка с острова Корфу) # Ράπτη Βασιλική / Rapti Vassiliki
English / Английский
★ Love, Lies and Taxidermy (Любовь, ложь и Таксидермия) # Alan Harris / Aлaн Хapрис
★ Too Long the Heart (Слишком длинное сердце) # by David Hutchison / Дэвид Xачиcoн
★ The Trap (ловушка) # Kieran Lynn / Kиpaн Лин
Español / Испанский / Spanish
★ Mi perra (My Bitch / Моя сука) # Sergio Martinez Vila / Серхио Мартинес Вила
★ No hay papel (No paper / Нет бумаги) # Beatrice Bergamin / Беатрис Бергамин
★ Lo que nunca fuimos (What we never were / Кем мы никогда не были) # Luis Lopez de Arriba / Луис Лопес де Арриба
Français / Французский / French
★ Amir avant (Amir before / Амир до) # Aurianne Abécassis / Ориян Абекасис
★ Delta Charlie Delta (Delta Charly Delta / Дельта Чарли Дельта) # Michel Simonot / Мишель Симоно
★ L’Accident de Bertrand (Bertrand’s accident / Авария Бертрана) # Emilie Leconte / Эмили Леконт
★ Pig Boy 2016-2358 # Gwendoline Soulin / Гуэндолин Сулен
עִבְרִית / Иврит / Hebrew
★ אומרים שהיא תתחיל ביולי (They say she will start in July / Говорят, что она начнется в июле) # דניאל כהן לוי / Danielle Cohen Levy / Даниэль Коэн Леви
★  אמהות שלוש (Mothers three / Матери, три) # להב תימור / Lahav Timor / Лахав Тимор
★  נורא אנושי (Horribly human / Ужасно человеческий) # גילעד עברון / Gilad Evron / Гилад Эврон
Italiano / Итальянский / Italian
★ Acqua di Colonia (Eau de Cologne / Одеколон) # Elvira Frosini & Daniele Timpano / Эльвира Фрозини & Даниэле Тимпано
★ La città che sale (The Standing city / Восставший  город​) # Chiara Boscaro & Marco Di Stefano / Кьяра Боскаро & Марко Ди Стефано
★ Essere bugiardo (To be a liar / Быть лжецом) # Carlo Guasconi / Карло Гуаскони
Magyar / Bенгерский / Hungarian 
★ Titkaink (Our Secrets / Наши секреты) # Béla Pintér / Бела Пинтер
★ Napraforgó (Sunflower / Подсолнух) # Andrea Pass /Андреа Паш
★ Hideg szelek / Eiswind (Cold Wind / Холодный ветер) # Árpád Schilling & Éva Zabezsinszkij / Арпад Шиллинг & Ева Забежинский
Português / Португальский / Portuguese
★ Max e René (Max and René / Макс и Рене) # José Maria Vieira Mendes / Жозе Мария Виейра Мендеш
★ Olhando o céu estou em todos os séculos (When I look up to the sky I am present in all centuries / Глядя на небо, я на все столетия) # Abel Neves / Абел Невеш
★ Cinderela (Cinderella / Золушка) # Lígia Soares / Лигия Суареш
Русский / Russian
★ Dummerchen # Гaл a Узрютoвa / Gala Uzriutova
★ Скрипка (The Violin) # Илья Члaки / Ilya Chlaki
★ Ева (Eve) # Гия Алaвидзe / Giya Alavidze
Shqip / Албанский / Albanian
★ Citycide # Eli Krasniqi / Эли Крacничи
★ Liriologjia (Freedomology / Свободология) # Lirak Çelaj / Лиpaк Чэлaй
★ Një teatër në kërkim të publikut (A theater in search of an audience / Театр в поисках публики) # Ridvan Dibra / Rидвaн Дибpa