AKTIVITÄTEN: Veranstaltung am Theaterhaus G7 in Mannheim

Eurodram ist das Netzwerk für europäisches Drama in Übersetzung, und selten erfüllt sich diese Mission so prächtig wie bei der Präsentation der diesjährigen Auswahl des deutschsprachigen Komitees in Mannheim. Die Teilnehmer erschienen aus europäischen Groß- und Hauptstädten wie Split, Barcelona, Berlin, Hamburg, London, Paris, Ljubljana, Wien, Graz und Sofia. Das Theaterhaus G7, geleitet von Komiteemitglied und Regisseurin Inka Neubert, hatte die Veranstaltung in die Spielzeitplanung genommen und stellte die drei Stücke, die aus den über 70 Einsendungen am empfehlenswertesten erschienen, am 24. Juni in szenischer Lesung vor.

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Lesung von “Drama über Mirjana und die Menschen um sie herum” – Foto: N. Fleming

Noch am Freitag hatte dort Stefano Massinis „Eine nicht umerziehbare Frau“, ein starkes Stück über die ermordete Journalistin Anna Stepanowa Politkowskaja aus der Komiteeauswahl vom Vorjahr, in Neuberts Regie das Publikum fasziniert. Am Samstagabend dann lernten die Zuschauer die Auswahlwerke 2017 und deren Autoren und Übersetzerinnen kennen. Der Förderung des Deutschen Literaturfonds ist es zu verdanken, dass zum Beispiel Ivor Martinić und Blažena Radas, Autor und Übersetzerin des ersten vorgestellten Stücks „Drama über Mirjana und die Menschen um sie herum“, beim Publikumsgespräch erstmalig im selben Raum waren. Die Lesung hatte Sandra Schüddekopf eingerichtet, und Ulrike Syha, Autorin, Übersetzerin, Komiteekoordinatorin, stellte Fragen über das Entstehen des Stücks und der Übersetzung und über die aktuellen Arbeiten von Martinić, der mittlerweile in Spanien lebt. Der Text zeichnet sich aus durch die Kombination aus der thematischen Konzentration auf eine Gesellschaft, die versucht, durchzukommen, auch wenn es beschwerlich ist, und einer einnehmenden, theatermagischen Überhöhung dieses Alltags.

Nach der zweiten Lesung des Abends, dem Stück „sieben köchinnen, vier soldaten und drei sophien“ von der erfolgreichen slowenischen Autorin Simona Semenič (Einrichtung: Aurélie Youlia), nahmen die Übersetzerin Urška Brodar und Henning Bochert, Übersetzer und Komiteemitglied, den zufälligen Balkanschwerpunkt der Auswahl ins Visier und diskutierten mit Publikum und Teilnehmern die Thematik der Frauenrolle, die den Gesellschaften östlich der deutschsprachigen Regionen Europas stärker auf den Fingern zu brennen scheint. Auch die stark politische Setzung fällt an den Stücken aus Bulgarien, Kroatien und Slowenien ins Auge.

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Lesung von “sieben köchinnen, vier soldaten und drei sophien” – Foto: N. Fleming
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Im zweiten Teil von “sieben köchinnen, vier soldaten und drei Sophien” – Foto: N. Fleming

Das dritte Stück nämlich, Alexander Manuiloffs „Der Staat“, warf die Zuschauer, die sich im Karrée gegenübersaßen (Einrichtung: Schüddekopf), auf sich selbst zurück, gibt es doch keine Darsteller, keine Handlung, nur den Text. Der thematisiert die Selbstverbrennung von Plamen Goranov 2013, ein tragisches Fanal angesichts unhaltbarer Zustände in der bulgarischen Politik, der sogar weitere vergleichbare Akte folgten. Die Vorstellung findet nur statt, wenn die Zuschauer sich dafür entscheiden, den Text zu lesen. Eine unmittelbare Stellungnahme mit radikaler Form, die zugleich die Botschaft ist: Nehmt es in die Hand. Im Gespräch zwischen dem Autor und dem Dramaturgen Christian Mayer geht es vor allem um die unterschiedlichen Produktionen, bei denen der Autor immer anwesend ist, und um die Reaktionen der Zuschauer dabei. Dass er den Text geschrieben hat, ist für Manuiloff eine direkte Konsequenz aus dem Weckruf, den Goranovs Tat darstellte und den er nicht ignorieren kann. Der Erfolg des Stücks ist beim Publikum unmittelbar spürbar: Nach einer Anlaufzeit des Verstehens und der Überwindung fühlen sich die Teilnehmer enger verbunden, man hat gemeinsam etwas erlebt und fühlt sich vielleicht ein winziges bisschen mehr verantwortlich – für einander, für sich selbst, für die Gemeinschaft.

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Beim Publikumsgespräch zu “Der Staat” – Foto: N. Fleming

Zu danken ist der Erfolg auch den wunderbaren Mitwirkenden: Larissa Alana, Ayca Basar, Alexander Doderer, Hanna Gandor, Laura Kaiser, Irina Maier, Marie Scholz, Vincenzo Tatti, Aurélie Youlia.

Im April 2018 plant das Komitee eine weitere Präsentation mit und im Theater Drachengasse in Wien, wo schon in den Vorjahren Lesungen stattfinden konnten. Weitere Partner sind im Gespräch und werden gesucht, vor allem ist das Netzwerk um eine dauerhafte Förderung bemüht.

Die Veranstaltung wurde im Radio begleitet (Link folgt noch) sowie in „Die Rhein-Pfalz“ von Heike Marx besprochen.

 

Von Henning Bochert

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AKTIVITÄTEN: Veranstaltung am Theater Drachengasse / Wien

Theaterstücke sollen gespielt werden. Eine sicher häufig genussvolle Lektüre wird dem Wesen von Theaterstücken nicht gerecht, fehlt doch das entscheidende Element: der Körper auf der Bühne.

So war es für das Deutschsprachige Komitee eine besondere Freude, seine diesjährige Auswahl der drei als besonders empfehlenswert empfundenen Theaterstücke auf Einladung des Theaters Drachengasse am 28. November 2016 dem Wiener Publikum vorzustellen.

Aus über 140 Theaterstücken – originalsprachlich deutsch -, die im Jahr 2016 eingesandt wurden, wählte das Komitee Henriette Dushes VON EINER LANGEN REISE AUF EINER HEUTE ÜBERHAUPT NICHT MEHR WEITEN STRECKE, Christina Ketterings ANTARKTIS und Maxi Obexers ILLEGALE HELFER aus.

Schon im vergangenen Jahr konnten wir zum ersten Mal der Einladung des Theaters Drachengasse folgen. Auch in diesem Jahr richteten Sandra Schüddekopf und Milena Michalek wieder drei wunderbare szenische Lesungen ein, die mit ihren jeweils 20 Minuten Dauer die Stücke eindrücklich vorstellten, was ohne den leidenschaftlichen und humorvollen Einsatz der Darsteller*innen nicht möglich gewesen wäre. Roman Blumenschein, Katrin Grumeth, Johanna Orsini-Rosenberg, Christina Scherrer, Lisa Schrammel, Thomas Stolzeti verliehen der Spannung zwischen moralischem und juristischem Recht in den HELFERN, dem tragischen Humor in ANTARKTIS und der Hoffnung und der Verzweiflung in der REISE Stimme und Leben.

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Das Ensemble der szenischen Lesungen: Katrin Grumeth, Thomas Stolzeti, Christina Scherrer, Johanna Orsini-Rosenberg, Lisa Schrammel, Roman Blumenschein – Copyright: Theater Drachengasse

Dank der Unterstützung des Deutschen Literaturfonds konnte das Deutschsprachige Komitee 2016 drei Stipendien finanzieren und drei ÜbersetzerInnen ihren jeweiligen Text-Favoriten in eine andere Sprache übersetzen lassen. Dr. Iwona Uberman übersetzte Henriette Dushes REISE ins Polnische, Katharina Stalder übertrug Christina Ketterings ANTARKTIS ins Französische, und dank Gergana Dimitrova gibt es Maxi Obexers HELFER auf Bulgarisch.

Wir freuen uns, dass von den Autorinnen Christina Kettering und außerdem alle drei Übersetzerinnen anwesend waren und im Gespräch jeweils nach den Lesungen vorgestellt werden konnten. Welche Diskussionen stoßen die HELFER in Bulgarien an, wieso resoniert die REISE in Polen, und was fasziniert ein französisches Publikum an den Ereignissen in der ANTARKTIS? Die Komiteemitglieder Ulrike Syha, Henning Bochert und Christian Mayer diskutierten mit den Gästen und dem interessierten Publikum Fragen zur Situation der Theaterlandschaft in Frankreich, Polen und Bulgarien. Dimitrova, Koordinatorin des bulgarischen Komitees, sprach über den Grenzzaun zwischen Bulgarien und Türkei sowie über ihre Produktionsgruppe 36monkeys, Uberman berichtete über die verheerenden Auswirkungen der rechtskonservativen Politik der Regierungspartei PiS auf das Kulturleben in Polen. Kettering sprach über das Entstehen von ANTARKTIS und Stalder schilderte, auf welche Weise das Stück im französischen Theater rezipiert werden kann.

Wie schon die Veranstaltung im April 2016 beim Festival 4+1 im Schauspiel Leipzig sind Veranstaltungen dieser Art unerlässlich, um unsere Arbeit sichtbar und theatergerecht zu präsentieren. Wir senden einen großen Dank an das Theater Drachengasse und seine Förderer, die die Veranstaltung möglich gemacht haben.

Henning Bochert

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Christian Mayer im Gespräch mit Übersetzerin Gergana Dimitrova. – Copyright: Theater Drachengasse

Die Übersetzerinnen 2016

Auch EURODRAM kehrt langsam aus der Sommerpause zurück; im November beginnt schon die neue Runde – diesmal liegt der Fokus wieder auf Stücken, die ins Deutsche übersetzt, aber in dieser Übersetzung noch nicht aufgeführt wurden. Die genauen Ausschreibungsmodalitäten folgen in den nächsten Wochen.

Vorher wollen wir aber noch mal einen Blick zurück werfen und die Übersetzerinnen der Stücke der Auswahl 2016 vorstellen.

 

In alphabetischer Reihenfolge:

NICOLE DESJARDINS übersetzt “Deine Helden – Meine Träume” von Karen Köhler ins Französische.

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Nicole Desjardins, Foto: A. Yons

Nicole Desjardins, Tochter einer Niederösterreicherin, ist Schauspielerin, Regisseurin und Autorin und übersetzt aus dem Deutschen. Sie hat Germanistik studiert und leitet heute die Theatergruppe “Vue sur Jardin“, die einen besonderen Schwerpunkt auf zeitgenössischer Dramatik hat. Zu ihren letzten Arbeiten gehörten “A l’aube,  j’ai recontré mon voisin Oreste” von Nicole Buresi und “Un théâtre dort-il vraiment la nuit?” von Maria Munk Farrugia.

www.cievuesurjardin.com

 

GERGANA DIMITROVA übersetzt “Illegale Helfer” von Maxi Obexer ins Bulgarische.

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Gergana Dimitrova, Foto: N. Mihov

Gergana Dimitrova ist Regisseurin, Autorin und Projektmanagerin, sowie Gründerin und Leiterin der Theatergruppe “36 monkeys – Organisation für zeitgenössische alternative Kunst und Kultur” (Sofia / Bulgarien) und Mitbegründerin der ACT-Assoziation für freies Theater – Bulgarien. Gergana Dimitrova hat Kulturwissenschaft und Theaterregie in Bulgarien und Deutschland studiert. Sie hat neben zahlreichen Theaterstücken auch “Das postdramatische Theater” von Hans-Thies Lehmann ins Bulgarische übersetzt.

www.36monkeys.org/en/

 

KATHARINA STALDER übersetzt “Antarktis” von Christina Kettering ins Französische.

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Katharina Stalder, Foto: V. Rok

Katharina Stalder wurde in der Schweiz geboren und ist Regisseurin, Theaterwissenschaftlerin, Theaterpädagogin und Übersetzerin. Sie hat außerdem eine Schauspielausbildung und übersetzt neben Theaterstücken auch für soziale Bündnisse. Als Regisseurin und Übersetzerin konzentriert sich ihre Arbeit hauptsächlich auf zeitgenössische Dramatik. Außerdem ist sie Leiterin der Theatercompagnie “L’ambiguË” in Montpellier und schreibt zurzeit an einer Dissertation über Regieausbildung im deutschen und französischen Sprachraum.

 

DR. IWONA UBERMAN übersetzt “Von der langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke” von Henriette Dushe ins Polnische.

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Dr. Iwona Uberman, Foto: privat

Dr. Iwona Uberman hat Ungaristik, Kunstgeschichte und Skandinavistik studiert und in Deutschland im Bereich Theaterwissenschaft promoviert. Sie hat als Dramaturgin, Theaterkritikerin / Kulturjournalistin, Sprachlehrerin und Museumspädagogin gearbeitet und neben zahlreichen Theaterstücken (Lutz Hübner, Oliver Kluck, Lukas Bärfuss, Ewald Palmetshofer, Marianna Salzmann und viele andere) auch Prosa übersetzt. Ausserdem war sie Stipendiatin der Villa Decius in Krakau.

www.kulturtransfer.eu

 

AURÉLIE YOULIA übersetzt “Die Erfindung der Sklaverei” von Christiane Kalss ins Französische.

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Aurélie Youlia, Foto: C. Forsberg

Aurélie Youlia ist eine bikulturelle, deutsch-französische Theater- und Filmschauspielerin, Autorin und Regisseurin. Sie arbeitet auch im Radiobereich und als Kulturjournalistin und hat einen Theater-Dokumentarfilm über das “Atelier Varan” gedreht. Außerdem ist sie als Mitarbeiterin, Schauspielerin und Sängerin bei einem deutsch-französischen Kabarett aktiv und arbeitet regelmäßig mit dem Goethe-Instituten und der deutschen Botschaft zusammen.

www.aurelieyoulia.com

 

 

PORTRÄT: Karen Köhler (Weitere Empfehlungen)

Nicole Desjardins wird « DEINE HELDEN – MEINE TRÄUME » (Verlag für Kindertheater) von Karen Köhler im Auftrag von EURODRAM ins Französische übersetzen.

Hier je eine Stellungnahme von Übersetzerin und Autorin zum Stück, das Teil einer Trilogie ist.

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Karen Köhler. – Foto: J. Klug

Karen Köhler (Autorin):

“Deine Helden –Meine Träume ist ein Auftragswerk des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Meine Arbeitsaufgabe war es, das Thema Rechtsextremismus zu bearbeiten. Meine Idee war es, daraus eine Miniserie aus drei Stücken zu machen, die jeweils eine Spielzeit nacheinander aufgeführt werden sollten. Wobei der Spielort und die Anzahl der Schauspieler bereits vom Theater vorgegeben waren.

Das erste Stück sollte ein Klassenzimmerstück für eine Person sein, und den Auftakt bilden. Das zweite Stück ein 3-Personen-Stück, das im Theater gezeigt wird, und das dritte wiederum ein Klassenzimmerstück.

Wir wollten das junge Publikum in den Schulen abholen, sie ins Theater bringen und wieder in der Schule enden. Das hat sehr gut funktioniert. Die Trilogie läuft 2016/17 in der 4. Spielzeit am DNT Weimar.

Deine Helden – Meine Träume lebt davon, dass das Klassenzimmer als realer Raum ohne theatralen Überbau funktioniert. Es ist sehr interaktiv und kommt nah an die Schüler*innen ran. Das wäre im Theater schwerer möglich. Man müsste die Zuschauer*innen-Situation so aufbrechen, dass keine Trennung zwischen Spiel- und Zuschauerebene vorhanden wäre.

Jonas, die Hauptfigur, kommt in sein ehemaliges Klassenzimmer zurück, und das Umfeld, das Erinnerungen auslöst, lässt ihn seine Geschichte erzählen.

Im zweiten Teil HELDEN! Oder warum ich einen grünen Umhang trage und gegen die Beschissenheit der Welt ankämpfe sind die Figuren, über die Jonas im ersten Teil der Trilogie spricht, auf der Bühne: Jonas, Jessica und Mo tragen -Jahre später- die alte Geschichte auf der Bühne miteinander aus. Auch hier wird der Bühnenraum als der Raum bespielt, der er ist: eine Bühne.

Im dritten Teil III Helden: Stadt. Land. Traum. steht Jessica dann als Referendarin in der Turnhalle vor ihren Schüler*innen. Und von einer Parole in der Pausenhalle ausgehend dröselt sie das Thema Fremdenfeindlichkeit und die Flüchtlingspolitik Europas auf. Bei dem Versuch, herauszufinden, wer die Parole geschmiert hat, überschreitet sie Grenzen und führt schließlich ein Experiment mit den Schüler*innen durch, bei dem es um Wahrnehmung des Gegenübers geht. Auch dieses Stück ist speziell für die Schule konzipiert und schwer auf den klassischen Bühnenraum übertragbar.

Zusammen funktionieren die drei Teile als eine Miniserie, die sich um den Themenkomplex Helden-Freundschaft-Liebe-Vertrauen-Fremdheit rankt und jeweils den Ort, an dem sie spielen konkret aufgreifen. Jeder Teil funktioniert auch als Solotheater-Erfahrung, man muss die beiden anderen Teile nicht kennen, um inhaltlich folgen zu können.

Die Entstehung des ersten Teils habe ich auf der Seite www.deine-helden-meine-traeume.de dokumentiert. Alle Figuren der Trilogie sind aus Interviews und Antworten auf den Fragebögen entstanden. Ich habe mit über 100 Jugendlichen zusammengearbeitet und das Thema Rechtsextremismus verdeckt recherchiert, um nicht eine vorgefertigte Meinung abzufragen, oder im Vorfeld zu politisieren und dadurch manipulierte Antworten zu erhalten.

Der Erste Teil der Trilogie läuft mittlerweile an mehreren Theatern im deutschsprachigen Raum. Das Theater Konstanz ist das erste Theater nach dem DNT Weimar, das nicht nur den ersten Teil nachspielt, sondern auch den zweiten. Das macht mich sehr froh und zeigt mir, dass Theater auch nachhaltig sein kann. Wir Autor*innen leben davon, dass unsere Stücke nicht nur uraufgeführt werden, sondern auch vom Mut der Theater, die unsere Arbeit zweit-, dritt- und viertaufführen.

Umso dankbarer bin ich EURODRAM für die Möglichkeit, Werke sprachübergreifend in Europa zu verbreiten und in einen Austausch zu geraten. Das trägt einen wichtigen Teil zum europäischen Kulturverständnis bei. Wir dürfen uns in der Kunst nicht auf den nationalen Raum zurückziehen, dafür sind die ökonomischen und sozialen Beziehungen der Welt viel zu komplex geworden. Wir können aber das große Dilemma am Beispiel des Kleinen zeigen.”

 

Nicole Desjardins (Übersetzerin):

“Man könnte fast sagen, dass Deine Helden – Meine Träume ein Boxkampf in Textform ist, aufgeteilt in zehn Runden. Der Darsteller achtet die ganze Zeit auf das Timing, denn länger als eine Stunde soll das Erzählen seiner Geschichte nicht dauern. Er händigt sogar jemand im Publikum sein Telefon aus, mit dem Auftrag, genau auf die Zeit zu achten.

Auch andere Bezüge zum Sport gibt es: Es geht um allgemeine Sportethik, aber auch um konkrete Bewegungsabläufe beim Boxen. Und darum, wie wichtig es ist, beim Boxen seine privaten Gefühle niemals mit in den Ring zu nehmen.

Wir befinden uns allerdings nicht im Ring. Wir befinden uns nicht mal auf einer Bühne. Wir befinden uns in einem normalen Klassenzimmer mit Schultischen und Tafel, und die anvisierte Stunde entspricht in etwa der Dauer einer Schulstunde. Das Stück wird also direkt vor Schülern und Lehrern gezeigt. Der Schauspieler ist bereits im Raum, wenn die Zuschauer kommen. Die Schüler merken da sicher auf : Da sitzt plötzlich ein Fremder in ihrer Klasse.

Die im Stück verwendete Sprache ist Alltagssprache, keine Kunstsprache. Der Ton ist natürlich und zeitgemäß und gibt dem Monolog einen spontanen Gestus.

Der Titel Deine Helden – Meine Träume kann auf mehreren Ebenen gelesen und verstanden werden: Der Junge, um den es in dem Stück geht, Jonas, verliert sehr früh seinen Vater und erfährt erst später, dass der Vater als Jugendlicher geboxt hat. Daraufhin meldet er sich auch zum Boxtraining an. Er sucht und braucht ein Vorbild. Beim Training lernt er dann Mo kennen, dem er nachzueifern versucht, da Mo ein sehr guter Boxer ist. (Ist sein Name vielleicht sogar eine Anspielung auf Mohammed Ali?).

Außerhalb des Rings sehnt sich Jonas danach, seiner Mutter besser helfen zu können, die mit einem gewalttätigen Mann mit Alkoholproblemen verheiratet ist. Er wünscht sich, ein Superheld zu sein, genau wie die Figuren aus seiner Kindheit.

Aber diese Träume verwirklichen sich natürlich nicht…

Stattdessen trifft er auf einen falschen Helden, einen Verführer: Haiko. Jonas lässt sich auf ihn ein, er ist nett, cool, etwas älter und außerdem der Bruder des Mädchens, in das Jonas unglücklich verliebt ist. Jonas folgt Haiko wie dem berühmten Rattenfänger im deutschen Märchen.

Und als sich zu seinem Liebeskummer auch noch rasende Wut auf seinen besten Freund Mo gesellt, der als «Fremder» ohnehin eine gute Zielscheibe für Hass und Spott ist, gerät Jonas schnell in einen Teufelskreislauf. Jonas weiß eigentlich, wohin Nationalismus und Rassismus führen können, aber als er selbst in eine entsprechende Situation gerät, erkennt er die Gefahr nicht sofort.

Inhaltlich schneidet der Text Themen und Ängste an, die in Deutschland (aber nicht nur in Deutschland) immer wieder eine große Rolle spielen. Die Frage nach den Gefahren, die vom Nationalismus ausgehen. Die Angst vor dem Fremden. Die Auslöser in privaten Biografien, die zu einem schleichenden Abrutschen in Gewalt führen können.

Es wird immer Diktatoren wie Hitler geben oder andere gefährliche Verführer. Heute heissen sie vielleicht Daesh oder «Islamischer Staat».

«Meine Träume» bleiben also die Träume eines Jugendlichen, der auf schmerzhaftem Weg und durch einen großen Irrtum etwas ganz Entscheidendes fürs Leben lernt. Und seine Erfahrungen nun mit anderen teilen möchte, um zu verhindern, dass sie in dieselbe Falle gehen.

Ein berührender Text, der besonders für Jugendliche sehr geeignet ist.

Deshalb freue ich mich, dieses Stück ins Französische übersetzen zu dürfen. Aber auch als Regisseurin spricht es mich an, ich hätte Lust, es vielleicht später selbst zu inszenieren. Für einen Schauspieler ist die Rolle von Jonas ein Geschenk.”

 

BIOGRAFISCHES:

Karen Köhler wollte Kosmonautin werden, hat Fallschirmspringen gelernt und Schauspiel studiert. Nach vielen Jahren im Schauspielberuf, schreibt sie mittlerweile Theaterstücke und Prosa. 

Nicole Desjardins ist Schauspielerin, Regisseurin, Autorin und Übersetzerin (Deutsch-Französisch) und lebt in Paris. http://www.cievuesurjardin.com

 

 

 

 

 

 

 

PORTRÄT: Christiane Kalss (Weitere Empfehlungen)

Zwei Fremde kommen in eine kleine Gemeinde. Wir erfahren nicht, woher sie kommen. Von weit her oder nur aus dem Nachbardorf? Sie werden aufgenommen und unter dem Deckmantel der Nächstenliebe in einer Gemeinde herumgeschoben, die um die Aufrechterhaltung ihres idyllischen Bildes ringt.

Teile dieser Gemeinde sind Heidrun und ihr Sohn. Heidrun macht aus einem alten Bauerhof ein Unternehmen, eine Geburtsklinik mit verschiedenen Angeboten (von der Schaumgeburt bis zur Stallgeburt als Jesuskind sind alle Optionen buchbar), während ihr Sohn immer neue, immer absurder werdende Geschäftsideen hat.

Im Verlauf des Stückes “Die Erfindung der Sklaverei” dreht sich der Status der Figuren immer wieder. Hinter der Gemeinde steht eine unsichtbare Macht – oder ist es doch die Gemeinde selbst? Ein neoliberales, autoritäres Regime mit einer Blümchenfassade, dem ihre Bewohner ausgeliefert sind.

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Theaterautorin Christiane Kalss

Das Universum von Christiane Kalss scheint eine leichte, humorvolle Welt zu sein. Eine Oberfläche, an der „alles in bester Ordnung“ ist, schön und heimelig, eine Idylle, die permanent um ihre Außenwirkung bemüht ist. Aber diese Leichtigkeit kaschiert nur die Abgründe. Den Abgrund in den Figuren, ihre Unfähigkeit, sich in dieser neoliberalen Welt zurechtzufinden – aber auch den Abgrund des Systems, das die Figuren zunächst unterstützt, um sie im nächsten Moment in den schönsten Tönen zu verraten. Nichts ist sicher. Und dies gilt für die Bewohner der Gemeinde selbst genauso wie für die von außen Kommenden.

Die Regierung in „Der letzte Mensch auf dem Mars“ zum Beispiel, einem anderen Stück von Christiane Kalss, die sich zunächst eine Marsmission auf die Fahne schreibt, um sie kurze Zeit später für ein prestigeträchtigeres Vorhaben aufzugeben, ganz gleich, ob das Opfer fordert. In diesem Fall die weibliche Hauptfigur, die alleine auf dem Mars zurückgelassen wird.

Oder eben die Gemeinde in „Die Erfindung der Sklaverei“, die sexuelle Verfehlungen ihrer Vorsitzenden beschönigt darstellt und sie dadurch aus der Welt schaffen will, während sie parallel dazu die Bürger für ihre eigenen Zwecke (die Aufrechterhaltung der Gemeinde und ihrer Idylle) missbraucht. Und alles immer nur solange, bis sich eine bessere Möglichkeit bietet. Unheimlich daran ist, dass alle sich dieses Vorgehen ohne ein einziges Widerwort gefallen lassen. Damit gelingt Christiane Kalss eine Zustandsbeschreibung unserer Welt und ihrer Mechanismen mit aktuellen politischen Bezügen, die geschickt eingebunden werden, ohne platt daher zu kommen.

Die soziale Situation ist geprägt von Unsicherheit, von einem absurden Verhältnis der Individuen zur Bürokratie und den Institutionen, die sie umgeben. Institutionen, die noch vorgeben, ihnen zu dienen, sie aber im Grunde nur ausbeuten, ja geradezu versklaven. Dies gilt sowohl für das “System Dorf” selbst als auch für die Fremden, die dort hinkommen. Das hat etwas Kafkaeskes, Monströses, ist aber immer gepaart mit Humor und verpackt in lakonische Dialoge.

Die Anleihen dafür nähme sie direkt aus der Realität, so die Autorin. „Ich klau gute Geschichten“, sagt sie selbst.  Zuerst gab es den Titel. Auch er steht für reale Tendenzen in der Gesellschaft, eine Zunahme von Arbeitsverhältnissen, die man als moderne Versionen von Sklaverei bezeichnen könnte: Arbeiten ohne Bezahlung, Herstellung von bedingungsloser Abhängigkeit und permanenter Verfügbarkeit.

“Die Erfindung der Sklaverei” war dieses Jahr zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und wird am 19. Oktober 2016 auch in einer szenischen Lesung am Staatstheater Karlsruhe präsentiert. Für März 2017 ist die Uraufführung im Theater Drachengasse in Wien geplant.

Sandra Schüddekopf

 

EURODRAM-MITGLIED AURÉLIE YOULIA ÜBERSETZT DAS STÜCK IM AUFTRAG VON EURODRAM INS FRANZÖSISCHE.

 

BIOGRAFIE DER AUTORIN

CHRISTIANE KALSS, geboren 1984, aufgewachsen in der Obersteiermark, lebt in Wien. Sie studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien und nahm 2008-2010 am Lehrgang Forum Text von uniT in Graz teil. Sie schreibt Dramatik.

Nominierungen, Preise, Stipendien (Auswahl): 2007 Nominierung für den Retzhofer Dramapreis — 2009 Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena für das Stück “Drinnen” — 2009 Dramatikerstipendium des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur — 2009 Teilnahme an stück/für/stück am Schauspielhaus Wien — 2010 Startstipendium für Literatur des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur — 2010 Einladung zu den Werkstatttagen des Wiener Burgtheaters — 2011 Wiener Dramatikerstipendium — 2014 Nominierung für den Leonhard-Frank-Preis des Mainfranken-Theaters Würzburg — 2015/2016 Stipendiatin der Drehbuchwerkstatt München — 2016 Nominierung für den Autorenpreis „Stück Auf!“ der Stadt Essen —Einladung zum Heidelberger Stückemarkt 2016.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jahresversammlung 2016 in Istanbul

Von Henning Bochert

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Die Eurodram-Koordinatoren und einige Komiteemitglieder und Gäste bei der Jahresbilanz. – Foto: Henning Bochert

In diesem Jahr findet die Eurodram-Generalversammlung in Istanbul statt. Die präzise Planung von Hakan Silahsizoglu, Übersetzer, Schauspieler und Koordinator des türkischen Komitees, sorgt schon lange im Vorfeld für umfangreiche Informationen. Dank Hakan ist die Versammlung Teil des Istanbuler Theaterfestivals TIYATRO. Darüber hinaus findet parallel eine der beiden Jahresversammlungen der internationalen Autorenvereinigung THE FENCE statt. Es gibt also viel Programm und noch mehr Gesichter und Sprachen.

Donnerstag

Istanbul, einzigartige Stadt am Bosporus, 15 Millionen Menschen auf den verschiedenen Ufern – oder sind es Küsten? –, den Landzungen. Zuerst ist diese Stadt nur eine U-Bahnfahrt ins Zentrum, wie immer scheinbar endlos, wenn man die Strecke nicht kennt. Kaum im Hotel im Ortsteil Șișli angekommen, geht es auch schon weiter zum ersten Abendprogrammpunkt. Wir dürfen exklusiv eine Generalprobe des Stücks EV’VEL ZAMAN (HOUSE UPON A TIME) von Gülce Ugurlu besuchen, die auch Regie führt. Drei junge Darsteller (M, F, F) spielen zwei Schwestern und einen Architekten. Die Schwestern erben das Haus der Großmutter am Rande Istanbuls, einem Entwicklungsviertel, in dem die Preise rasch steigen. Was tun wir mit dem Haus? Verkaufen? Behalten? Eine Schwester ist strikt gegen den Verkauf, die andere, beeinflusst vom Architekten, der ein Geschäft wittert, möchte den alten Kasten loswerden. Eine Art Kirschgarten auf Istanbulisch, die Inszenierung stark bestimmt vom Bühnenbild aus zahlreichen hellen, kniehohen Holzwinkeln, die sich mit jeder neuen Anordnung in Sitzgelegenheiten, Irrgärten, gefährlich hohe Säulen oder Stapel weggeräumter Möbel verwandeln. Das verleiht dem Abend und seiner dichten Geschichte eine strenge Form, die gut zusammenhält. Gentrifizierung und Verdrängung ist also auch hier in dieser ständig wachsenden Riesenstadt ein Thema. Die Übertitel jagen einander über der Bühne, unmöglich, der obschon guten englischen Übersetzung zu folgen, denn – einer der beiden Kardinalfehler bei Übertiteln – es wurde für die Titel keine Strichfassung erstellt.

Später ein erstes Essen, Kennenlernen der Autor*innen von FENCE und der Übersetzer*innen, Schauspieler*innen, Dramaturg*innen etc. von Eurodram. Einige bekannte, viele neue Gesichter, dazu der Reiz einer Gemengelage aus unbekannten Sprachen, der Beteiligten aus 20 Ländern und sicher 15 Sprachen. Ständig muss irgendwas für irgendwen übersetzt werden, die Köpfe wenden sich, und die Sprache wechselt mitunter mitten im Satz. Der Reiz des Nichtverstehens: aufregend und inspirierend.

Ein letzter, erschöpfter Blick aus dem Hotelzimmer über das nächtliche Istanbul, Möwen krächzen von den Dächern, als ob Katzen erdrosselt würden. Dann der nötige Schlaf.

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Vorstellung der Stückauswahl des Bulgarischen Komitees. – Foto: Henning Bochert

Freitag

Um halb zehn versammeln wir uns im Marmara Hotel unweit des „Wohnhotels“ in zwei nebeneinander gelegenen Räumen, hier FENCE, da Eurodram. Die Vormittagsstunden rauschen vorüber, indem Dominique Dolmieu, der Pariser Generalkoordinator und Mitglied des französischen Komitees, die einzelnen Komitees aufruft und über ihre Arbeit berichten lässt: wie viele Mitglieder habt ihr, welche Aktionen habt ihr geplant oder welche konntet ihr durchführen, was braucht ihr. Fast alle brauchen Geld, um wenigstens Reisekosten nicht selbst zahlen zu müssen. Das deutsche Komitee ist mit fünf Anwesenden am stärksten vertreten, auch vom türkischen Komitee kommen im Laufe dieses und des folgenden Tages Mitglieder dazu. Selbstverständlich sind die Nachbarn Griechenland und Bulgarien vertreten, aber auch die Delegierten der ungarischen, portugiesischen, albanischen und hebräischen Komitees sind angereist. Sehr unterschiedlich fällt die Arbeit der Komitees aus: Stücke auszuwählen, diese Auswahl sichtbar zu machen und die Stücke zu empfehlen. Alles ist gemeinnützig, ehrenamtlich, eine Arbeit Wahnsinniger, von denen nicht gesagt werden kann, dass sie nichts Besseres zu tun hätten, im Gegenteil sind die meisten noch mit hundert anderen Dingen beschäftigt, und gerade deswegen fällt es den Komitees häufig schwer, genügend Zeit zum Lesen der Einsendungen zu finden oder auch nur einen Aufruf dazu bekannt zu machen. Dennoch gelingt es. Sehr wenige Komitees wie das bulgarische und das deutsche und das kosovarische können überhaupt mit Förderungen aufwarten, die aber auch nicht unbedingt für die eigene Arbeit verwendet werden, sondern für die Förderung des Organisationsziels, z. B. zur Finanzierung der Reisen oder für Übersetzungen der Auswahl in andere Sprachen.

Zum Mittag verteilen sich die Teilnehmer der beiden Gruppen neu gemischt auf nahe Restaurants, neugierige Gespräche allerorten: woher seid ihr nochmal, was machst du sonst so?

Der Nachmittag ist der Auswahl der Stücke der Komitees gewidmet. Die Koordinator*innen berichten dem Alphabet der Sprachen nach über die jeweils drei ausgewählten, originalsprachlichen Titel dieses Jahres, referieren kurz die Handlung, etwas über die Autor*innen, die Übersetzer*innen, etwas zur Rezeptionsgeschichte, und angesichts des knappen Zeitplans mahnt Dominique: Two more minutes! Schließlich, als die Luft im fensterlosen Konferenzraum nach Nedas „u“krainischem Komitee nahezu komplett von Sauerstoff befreit ist, stürzen wir befreit auf die Straße.

Schaffen wir es noch, vor der Abendvorstellung etwas zu essen? Wer schaut sich was an? Welcher Gruppe schließe ich mich an? Wir fahren bis zum Taksim und gehen durch die auch jetzt am Abend überaus geschäftige Geschäftsstraße zu einem kleinen Restaurant mit hervorragender Küche. Hauptsächlich Fencer haben sich hier versammelt und müssen ihr Essen rasch hinunterschlingen, um nicht zu spät zur Vorstellung in der garagistanbul um die Ecke zu kommen. Im Stück YAŞLI ÇOCUK (OLD CHILD) erleben vier Figuren ihre Geschichte, und erst zum Ende hin wird dem Zuschauer enthüllt: sie sind Geister, sie sind alle gestorben, aus jemandes Leben gerissen, durch Flucht, durch eine Bombe, vom Boot ins Meer gefallen, in den Kampf gezogen… Leider hat sich die Regie für einen Musikteppich entschieden, und auch wenn die Figuren so wenig und langsam und mit Wiederholungen sprechen, dass Geschwindigkeit der Übertitel kein Problem darstellt, gerät dieser Abend zu einem für den Geschmack der meisten Zuschauer entsetzlich kitschigen, vagen Brei in einem Bühnenbild willkürlich wirkender Surrealität.

Im Anschluss trifft sich, was nicht schon komplett erledigt ist und nur noch schlafen will, in einer coolen Bar um die Ecke gleich neben der İstiklal Avenue, wo noch Straßenkünstler herumsingen, die Eisverkäufer sich gegenseitig in Eiskremakrobatik überbeiten und eine historische Straßenbahn herumbimmelt.

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Vorstellung der Stückauswahl des Hebräischen Komitees. – Foto: Adi Kuneva

Samstag

Am Vormittag bringt Hakans Organisationstalent die Teilnehmer der Fence- und Eurodram-Versammlungen mit der Festivalleitung sowie Theatermachern aus der Türkei zusammen. Eine riesige Vorstellungsrunde der Einzelnen im vollen Raum sowie auch der beiden Organisationen durch Dominique Dolmieu (Eurodram) und Jonathan Meth (Fence). Der Autor und Wissenschaftler Hasan Erkek berichtet sehr knapp über die Geschichte der türkischen Dramatik und des Theaters in diesem Land, auch der Autor Tuncer Cucenoglu meldet sich mehrfach engagiert zu Wort. Auch der kurdische Autor Mirza Metin war anwesend (sein Stück ist Teil der Auswahl des türkischsprachigen Komitees). Die Festivalleiterin Leman Yilmaz berichtet über Geschichte und Struktur des Festivals und seine schwierige Situation, das es lediglich zu 5 % des Budgets aus öffentlichen Mitteln unterstützt wird, während das Budget für jedes Festival neu von Sponsoren und Spendern aus der Wirtschaft oder privat eingeworben werden muss. Nach einem ersten empörten Raunen wird deutlich, dass damit in der aktuellen politischen Situation aber auch eine künstlerische Freiheit gewahrt bleibt. Das Festival hat sich zum Ziel gesetzt, selbst viele hervorzubringen und also Premieren zu zeigen.

Am Nachmittag bespricht Eurodram seine Bemühungen, über das Creative-Europe-Programm der EU eine Förderung für das gesamte Unternehmen zu bekommen. Dafür arbeitet seit Monaten ein Sonderkomitee, bei dem sich insbesondere Clara Schwartzenberg von der Maison de l’Orient et de l’Europe (Dominique Dolmieus Theater in Paris) federführend ins Zeug legt.

Derweil besuchen wir eine Vorstellung des Stücks KÖPEKLERİN İSYAN GÜNÜ („The Rebellion Day of Dogs“ steht im Programm), einer Koproduktion mit dem Festival und dem São Luiz Teatro Municipal, Portugal. Das Stück erzählt die Geschichte zweier junger Kurden, die beide für dasselbe wohlsituierte türkische Paar arbeiten. Er führt die Hunde aus, sie pflegt die Mutter der Kundin. Die Mutter stirbt, und die Pflegehilfe traut sich nicht, die schlechte Nachricht zu überbringen. Derweil verdächtigt der Mann den Hundeausführer, die Tiere schlecht zu behandeln, zu stehlen, bis er eine regelrechte Paranoia entwickelt. Die junge Frau hofft auf die Hilfe des jungen Mannes und lockt ihn in die Wohnung der Toten. Als er sich weigert, stürzt sie sich aus dem Fenster.

Während die Geschichte von Ceren Ercan interessant klingt, ist das Regiedebut von Mark Levitas ungenügend. Die Schauspieler wissen meist nicht, was sie zu tun haben, viele Situationen sind undeutlich erzählt, insbesondere der Schluss mit dem Tod der jungen Frau kann nur vermutet werden. Überhaupt nicht gedient ist der Inszenierung mit dem Bühnenbild (Cem Yılmazer) aus drei ineinandergestellten, u-förmigen  Winkelelementen auf Rädern, von denen man weder weiß, was sie sein noch was sie bedeuten sollen, und die den Schauspielern gelegentlich auch mal auf die Füße fallen. Dazu sorgen die Übertitel, die lediglich für zirka zehn Plätze in einem bestimmten Bereich des Zuschauerraums lesbar sind, mit ihrem kreativen Englisch für zusätzliche Unterhaltung („He has swollen a bone“). Wieder wurde gen Ende des Stücks eine Art repetitiver Musikteppich unterlegt, auch wenn die Musik weniger furchtbar war als am Abend zuvor, so blieb dennoch unklar, was sie genau vermitteln wollte.

Kaum zurück im Hotel, geht es gleich weiter zum Caddebostan Kültür Merkezi auf der anatolischen Seite Istanbuls zur Abendvorstellung von ÜÇ KIZ KARDEŞ (DREI SCHWESTERN von Anton Tschechow) in der Inszenierung von Aleksandar Popovski. Die Zeit ist knapp, denn wir müssen mit einer großen Gruppe in mehreren Taxis zum Bosporus, um rechtzeitig eine Fähre nach Üşküdar zu erwischen. Von dort geht es weiter  in den aufgeräumter wirkenden Osten der Stadt. Der große Kinosaal liegt im obersten Stockwerk eines Einkaufszentrums. Die ersten Übertitel sind türkisch, denn die drei jungen Darstellerinnen auf der Bühne sprechen Englisch. In einem folienbespannten Quader sitzen sie in goldfarbene Wärmedecken gehüllt auf einer Kiste und singen hin und wieder auf Deutsch Nicoles „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen“ von 1982, Karaoke zum Handyklang. Die Inszenierung wirkt aufgeweckt, jung. Die Darstellerinnen strahlen Freude an ihrer Arbeit sogar über die weite Distanz zur Bühne hin aus, die sprachliche Vielfalt wirkt zeitgemäß, natürlich sind wir belustigt, dass die türkischen Schauspielerinnen die Sehnsucht ihrer Figuren nicht nur nach Moskau, sondern auch nach Berlin ausdrücken. Gen Ende des Stücks holen sie die tschechow‘schen Textbücher aus der Kiste, verwandeln ihre Kostüme mit ein paar Handgriffen in eher historische Anmutung und sprechen Auszüge aus dem Originaltext. Plötzlich ist die vierte Wand da, eine interessante ästhetische Wandlung, aber zack! ertönt auch wieder der musikalische Klangteppich. Außerdem hören wir die Stimmen der Männerfiguren, während die nun russischen Frauen auf der Bühne wie entrückt gegen die sich unter Besprühung magisch auflösenden Folienwände sprechen. Am Ende brüllen sie, wieder umgezogen, noch einmal unmissverständlich ins Publikum, dass sie nicht die drei Schwestern seien, sondern lediglich Schauspielerinnen, die diese spielen. Alles in allem und trotz einiger Fragezeichen die am besten gelungene Inszenierung von den wenigen, die wir beim Festival sehen können.

Auf der Rückfahrt nach Șișli fällt noch einmal auf, wie leer die Fähre ist. Inzwischen ist es dunkel, das Boot gleitet vorbei an bunt beleuchteten Moscheen, Hafenanlagen, der Universität, den Brücken über den Bosporus, auf dem Oberdeck regnet es, wie es überhaupt recht kühl ist an diesem vorletzten Tag, und im Innenraum spielt ein junger Mann wunderbar auf der Saz, ein anderer sammelt Geld ein. Üblicherweise sind diese Fährschiffe um diese Jahreszeit besonders tagsüber brechend voll mit Touristen. Aufgrund der Anschläge im Frühjahr sind aber eine Million Touristen der Stadt spürbar ferngeblieben, worunter die Geschäfte entsprechend zu leiden haben. Wir fahren ein Stück mit der U-Bahn und steigen im stärker werdenden Regen durch die historische Bankenstraße bis zum Taksim hoch, wo wir in einem Lokal einige der restlichen Teilnehmer treffen wollen. Oben angekommen sind allerdings die meisten müde und vom Regen durchnässt und kehren lieber ins Hotel zurück.

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Istanbul. – Foto: Henning Bochert

Sonntag

Schon beim Frühstück sagen die ersten Auf Wiedersehen. Andere führt eine Gratis-Stadtführung (sehr zu empfehlen: Free Tour von viaurbis) am Morgen endlich in den historischen Stadtkern. Nach den anstrengenden Konferenztagen und buchstäblich kurz vor dem Abflug kommt man hier endlich an in Istanbul. Und obgleich uns unser sehr interessanter Führer, dessen umfassende Kenntnisse die mediterrane antike Architektur ebenso erschließen wie die moderne Popmusik, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten präsentiert und in historischen Zusammenhang stellt, bleibt keine Zeit, auch nur die Hagia Sophia von innen zu sehen. Teşekkür ederim, Istanbul, wir kommen wieder!

 

Der Originaltext ist erschienen auf http://henningbochert.de

 

Wer noch weiterlesen möchte, findet den Bericht des Koordinators des französischen Komitees (Gilles Boulan) hier in deutscher Übersetzung unseres Komitee-Mitglieds Wolfgang Barth:

http://vieuxloup.de/eurodram-hauptversammlung-in-istanbul-19-22-mai-2016/

 

 

 

 

PORTRÄT: Henriette Dushe

Schaut man sich die Konstellationen in Henriette Dushes Stücken an, sind es immer wieder die Frauenfiguren, die faszinieren und im Vordergrund stehen. Das Drama „In einem dichten Birkenwald, Nebel“ beginnt zunächst mit drei Männern, die aus ihrem Leben fallen, weil sie aus verschiedenen Gründen zusammenbrechen. Da tauchen drei Frauen unterschiedlichen Alters aus dem Nebel auf und erfinden sich eine gemeinsame Geschichte oder stehen als Ärztinnen dem Chor der Burnout-Patienten bei. In „Lupus in Fabula“ trifft man drei Schwestern am Sterbebett des Vaters an, die durch dessen Verschwinden  in unterschiedlicher Weise auf sich selbst zurück geworfen sind.

Auch in „Von der langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr  weiten Strecke“ stehen eine Mutter und ihre vier Töchter im Mittelpunkt des Geschehens, der Vater der Familie hat sich in sich selbst zurück gezogen und ist verstummt.

„Die Texte wandern durch die Köpfe in die Münder der anderen und wieder zurück durch den Mund eines Gegenübers in den Kopf einer anderen, nur die Mutter: ist und bleibt immer eine Mutter…“ – so beschreibt Henriette Dushe ihren Bühnentext für fünf Frauen, in dem nur die Mutter personifiziert wird, die vier Töchter teilen sich die Bezeichnungen „Eine, Andere, Einige“.

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Henriette Dushe (Copyright: C. Pitzke)

Das Stück, ausgezeichnet  2014 mit dem Autorenpreis “Stück auf!” der Stadt Essen und am Theater Essen uraufgeführt in der Inszenierung von Ivna Žic, beschreibt die melancholische Geschichte einer Familie aus der ehemaligen DDR und lebt von seiner Musikalität.

Die  Mutter und ihre vier Töchter sprechen miteinander – aber der Text entwickelt eine Art Eigendynamik im Durcheinander-, Übereinander und Aneinander-vorbei-Reden. Erzählt wird die Erinnerung an die Ausreise der Familie aus der DDR, eine Reise in ein Land, das für den (nicht zu Wort kommenden) Vater  zu einem nie eingelösten Versprechen wurde. Die Figuren haben keine Namen, als hätten sie mit der Heimat auch die Identität verloren.

Sandra Schüddekopf, die die Szenische Lesung am Theater Leipzig beim 4+1 Festival einrichtete, schätzt den Text, weil er es schafft  „über die persönlichen Erinnerungen der Familie an ihre Ausreise hinaus etwas über die gesamtdeutsche Geschichte zu erzählen. Obwohl die Erinnerungen durch die Figuren wandern, sind die Figuren in ihren Beziehungen zueinander sehr klar. Der Text umkreist Gewissheit und Ungewissheit im Umgang mit Erinnerungen und spielt, auch in seiner Form, mit der Struktur von Erinnerungen.“

Die Mutter und ihre vier Töchter erinnern sich: an graue Anzügen mit wechselnden Gesichtern, an endlose Listen von Haushaltsgegenständen, das “Scheiß-Gärtchen” des Großvaters, die Waschbecken-Nische für Störenfriede im Klassenzimmer, die Brechanfälle der einen Tochter, den taubengrauen Bahnhof und an die traumatische Zugfahrt ohne Rückfahrschein aus der DDR, an den Vater, der das restliche Geld aus dem Zugfenster wirft, an die alle Sachen durchwühlenden Grenzbeamten und schließlich die Ankunft in einem niedersächsischen Provinzstädtchen.

Das Erinnerungsmaterial wird in Aufzählungen und rhythmischen Wiederholungen immer wieder neu sortiert und wirkt durch die Musikalität der Sprache wie ein sehr genau durchkomponierter gemeinsamer Gesang von der Mutter und ihren Töchtern.

Das Leipziger Festival  4+1, auf dem EURODRAM das Stück präsentierte, war ein Festival zur Nachwuchsdramatik im deutschsprachigen Raum, zu dem sechs Schreibschulen eingeladen waren: UniT Graz , die Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie die Schreibschulen aus Hildesheim, Biel, Berlin und Leipzig.

Henriette Dushe hat selbst am UniT in Graz studiert und mit der Regisseurin der Uraufführung Ivna Žic an „Von der langen Reise…“ ursprünglich gemeinsam gearbeitet. Beide haben sich als Teilnehmerinnen des Forum Text kennengelernt – eine zweijährige künstlerische Begleitung mit Mentoring durch uniT in Graz.

Henriette Dushe stellt in einem Interview mit Magdalena Kotzurek dar, dass sich die UniT Graz nicht als Schule versteht, „die  von vornherein zu wissen meint, was sie vermitteln will. Hier stehen die einzelnen Autoren mit ihren Schwerpunkten in Thema und Form und Sprache im Vordergrund. Darüber hinaus ist die gesamte Ausbildung schon sehr früh vernetzt mit Schauspieler_innen und Regisseur_innen, so dass der interdisziplinäre Austausch über Theatralik die Textentstehung schon früh begleitet, das öffnet den Autor_innen natürlich alle Sinne, für die Bühne zu schreiben.“

Inka Neubert

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Beim 4 + 1 Festival am Schauspiel Leipzig.

HENRIETTE DUSHE stammt aus Halle/Saale. Von 2001 bis 2006 studierte sie in Potsdam KulturArbeit (Diplom im Fachbereich Angewandte Ästhetik). Von 2011 bis 2013 folgte ein Studium des Szenischen Schreibens an der uniT Graz. Von 2002 bis 2011 war sie Dramaturgin und Autorin beim freien Autoren- und Schauspielkollektiv unitedOFFproductions (Braunschweig/Berlin). Henriette Dushe lebt in Berlin.

Stipendien und Preise (Auswahl): 2008 Werkstattstipendium für Literatur der Jürgen-Ponto-Stiftung — 2009 Verleihung des Retzhofer Dramapreis für “MENSCHEN BEI DER ARBEIT” (UA 2010 am Schauspiel Chemnitz) — 2010 Werkstattstipendium für “SPRACHLOS DIE KATASTROPHEN IM BEREICH DER LIEBE” am Staatstheater Mainz — 2013 J.M. R. Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena für “IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL” sowie Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes für “LUPUS IN FABULA” — 2014 Autorenpreis “Stück auf!” der Stadt Essen für “VON DER LANGEN REISE AUF EINER HEUTE ÜBERHAUPT NICHT MEHR WEITEN STRECKE” — 2014 Christian-Dietrich-Grabbe-Preis für “IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL”

Die Stücke von Henriette Dushe werden vertreten vom Henschel Schauspiel Theaterverlag.

 

EURODRAM wird “Von einer langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke” ins Polnische übersetzen lassen. Die Übersetzerin ist Dr. Iwona Uberman.